Full text: Geschichte der Residenzstadt Cassel

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graf Karl seinen Besuch angesagt hatte, aber durch einen Zufall verhindert 
worden war. Dadurch sei er in Ungnade gefallen. Seine Gegner benutzten 
dann jenes Nitzgeschick, um ihn als eiteln Schwätzer zu verdächtigen, und die 
Schadenfreude, die man bei den Nitzerfolgen des grotzen Erfinders vielfach 
empfand, kann selbst ein Nann wie der Hofprediger Lucä in seinen biogra 
phischen Aufzeichnungen nicht unterdrücken. Datz Papin jener Unfall wider 
fahren, ist nicht unmöglich. Aber als ihn der Landgraf im Jahre 1707 aus 
seinem Dienst entlietz, geschah es in aller Gnade. Papin hatte schon lange sich 
mit dem Gedanken getragen, ein Schiff zu bauen, das statt mit Rudern, mit 
Schaufelrädern fortzubewegen fei. Das Modell dazu hat er hier in Cassel kon 
struiert. Datz er auf dem nach dem Modell zu erbauenden Schiff die Räder 
durch eine Dampfmaschine zu treiben beabsichtigte, unterliegt keinem Zweifel. 
Die Mittel zum Bau des wirklichen Dampfschiffes hoffte er nun in England 
erhalten zu können, wohin er sich von Cassel mit seiner Familie auf die Reise 
machte. Die Fulda und Weser wollte er mit seinem neuen Schiff zu Tal fahren. 
Aber er gelangte nur bis Münden, hier zogen ihm die auf ihr Stapelrecht 
eifersüchtigen Schiffer, trotz einem vom dortigen Landdrosten von Zeuner ge 
gebenen Passierschein, das Schiffsmodell aufs Land und zerschlugen es. Papin 
starb in England in Dürftigkeit. Aber fein Andenken lebt in Cassel fort, und 
wenn die Fulda auch nicht mit dem ersten Dampfschiff befahren worden ist, 
so haben doch ihre Wellen das erste Modell eines solchen getragen, nur datz 
statt der Dampfmaschine der menschliche Arm die treibende Kraft bildete. 
Flicht weniger darf wohl Cassel sich rühmen, eine der ersten Städte zu 
sein, wo kühne Männer das Wagnis unternommen haben, die Luft zu meistern. 
Jm Jahre 1712, also vor 200 Jahren, leigte sich hier vor dem Hof ein Luft 
flieger namens Girardet, und 1727 ein zweiter namens Robertson. Beide 
erhielten aus der Hofkasse ansehnliche Geldgeschenke, aber leider wissen wir 
sonst gar nichts über die Art ihrer Versuche, als datz sie dabei nicht das Leben 
eingebützt haben. Vermutlich beruhten ihre Künste auf dem System des 
Fallschirmes, da erst 1783 die Brüder Montgolfier auf den Gedanken kamen, 
mit Hilfe warmer Luft ihren Ballon steigen zu lassen. 
Die Wissenschaft im allgemeinen stand zu Landgraf Karls Zeit in Cassel 
in demselben Zeichen, unter welchem das Carolinum ins Leben getreten war: 
sie war aufs Praktische gerichtet. Man war des unleidlichen Gezänks der Theo 
logen und ihrer dogmatischen Spitzfindigkeiten herzlich satt; ebensowenig 
scheint allerdings der Pietismus, die andere Seite der Reaktion gegen den
	        

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