Full text: Geschichte der Residenzstadt Cassel



hier anwesend war, der schon mehr angeführte Italiener Gregorio Leti, fol- 
gendermaßen ausdrückt: C’est le Serenissime Landgraue qui etablit, qui 
ordonne et qui change les Conseils, comme hon lui semble. C’est lui qui a 
le pouuoir absolu de donner les charges, les dignites, les Offices et les gou- 
uernements ä perpetuite ou ä temps, selon qu’il le juge necessaire pour le 
seruice de sa personne ou celui de son Etat. ... Il n’ya ni Magistrat ni tri- 
bunal qui ose proceder à Texecution d’aucune sentence sans sa participation. — 
Bei dieser Gewöhnung zur Unselbständigkeit mühte es wunder nehmen, a 
wenn wir bei unserem Stadtmagistrat erkennbare Ansäße zur Selbstuerwal- 
tung entdeckten; und wenn man sieht, wie sehr der Stadthaushalt im argen a 
lag, wie auch hier der Landgraf und fein patriarchalisch-autokratisches Regi- 
ment überall und wiederholt eingreifen muhten, so wird man diesem seine Be- L 
rechtigung wohl zuerkennen müssen. 
Es geschah ein solcher Eingriff zuerst im Jahre 1679, also kurz nachdem a 
der Landgraf zur Regierung gelangt war. Sein Erlaß vom 20. Februar wirft 
ein übeles Licht auf die Stadtverwaltung der damaligen Zeit, wenn er be- 
ginnt, dah der Candgraf nicht ohne sonderbaren Verdruh habe vernehmen 0 
müssen, welchergestalt gemeine Stadt Cassel durch unfleihige und nicht ge- a 
bührende Aufsicht und mangelhafte Haushaltung ihrer Vorsteher in einen 0 
solchen schlechten Zustand, Ruin und Armut geraten, dah sie so wenig den 
Arbeitsleuten, als den Stadt-, Schul- und anderen Bedienten ihren Sold zu 0 
reichen oder die schuldigen Zinsen von den erborgten Kapitalien zu bezahlen, a 
0 oder die nötigen Baukosten, insonderheit wenn etwas Hauptsächliches zu 0 
bauen vorfalle, herzuschiefjen Vermögens sein solle. R 
XUir haben bereits bei früherer Gelegenheit erzählt, dah man auf dem 0 
Rathaus kein Geschäft vornahm, ohne dah aus dem Ratskeller ein kräftiger a 
0 Trunk dazu geholt wurde, auf der Stadt Kosten natürlich, lüar die Sache nur 
@ von einiger Erheblichkeit, so muhte eine Nahlzeit stattfinden. Diese Sauf- a 
händel sieht der Erlaß als die Quelle des Übels an und verbietet alle Schmause- 0 
0 reien bis auf die eine bei der jährlichen Bürgermeisterwahl, die aber auch 
nicht mehr als 20 Gulden kosten dürfe. „Insonderheit aber befehlen wir Bürger- 0 
meister und Rath bei Vermeidung unserer höchsten Ungnaden und Verlust 
ihres Ambtes, auch anderer nachdrücklichen und ernsten Bestrafung, sich des 
unchristlichen Saufens, welches nun einige Jahre her beim Rathaus ziemblich 
im Schwang gewesen sein soll, gänzlich zu enthalten und abzumähigen." 0 
Es genügte zu jener Zeit, dah der Bürgermeister eine beliebige An- 
Weisung auf Speisen und Getränke mit dem Vermerk „in Stadtsachen auf- 
gegangen" versah, um sie bei der Rechnungsablage unbeanstandet passieren a 
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