Full text: Geschichte der Residenzstadt Cassel

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Philipps des Großmütigen (Abb. Tafel 3), das sich auf dem hiesigen Rathause 
im Eigentum der Stadt Cassel befindet. Er malte es, vermutlich als Geschenk 
Wilhelms IV. für den Sitzungssaal des Altstädter Rathauses, im Jahre 1570, 
also drei Jahre nach Philipps Tod; doch darf das Bild auf unbedingte Ähnlich- 
keit Anspruch machen, da es nach einer älteren Skizze gefertigt ist und Müller 
seinen Herrn gewiß hinreichend kannte, um ihn lebenswahr malen zu können. 
Es ist das beste Bild aus Philipps älteren Jahren, da es der Fürst später nicht 
mehr liebte, den Malern zu sitzen. Die Auffassung des Ganzen bezeugt, daß 
unser Künstler mehr als Mittelmäßiges zu schaffen imstande war. Wenigstens 
im Porträt. Die Landschaft lag ihm nicht, wie die ihm aufgetragenen beiden 
Bilder unserer Stadt aus der Vogelperspektive beweisen, die er 1547 anzu- 
fertigen hatte, die Stadt vor und während der Demolition der Festungswerke. 
Trotzdem daß er die Stadt von allen vier Himmelsgegenden perspektivisch auf 
nahm, sind doch die Pläne für unsere Kenntnis des alten Grundplanes wichtig. 
Nach Landgraf Philipps Tode finden wir mehrere Hofmaler im Dienste seines 
Sohnes Wilhelm. Dieser ließ es sich angelegen sein, den Tanzsaal seines neuen 
Schlosses, den sogenannten goldenen Saal (im Flügel nach der Stadt zu) mit den 
Bildnissen sämtlicher europäischen Fürsten seit 1530, dem Jahre der Augsbur 
gischen Konfession, zu schmücken, was er einmal durch Geschenke oder indem 
er auswärtigen Malern Auftrag erteilte, vornehmlich aber auf dem Wege er 
reichte, daß er feine beiden Hofmaler, Kaspar van der Borcht und Christoph 
Jobst, teils nach auswärts entsandte, teils die ihm leihweise hierher zugesandten 
Porträts durch sie kopieren ließ. Meister Kaspar findet sich hier seit 1576, wohl 
bald nach Michael Müllers Tod; er bewohnte das Haus in der untersten Markt- 
gasse über der Hirschapotheke. Er malte das Rotenburger Schloß aus; auch 
die Malereien im Schlosse zu Münden sind zweifelsohne fein Werk, da ihn fein 
Herr nachweislich auf Ersuchen des Herzogs Julius von Braunschweig dorthin 
beurlaubte. Er war sehr gewandt und fix im Malen, aber wohl minder be- 
deutend als sein Kollege Jodocus (Jost) vom Hof, ein Oberdeutscher, den der 
Landgraf selbst einen guten „Conterfeter“ nennt. Seit 1579 etwa ist er im 
hiesigen Hofdienst; er ist der Maler des großen Bildes im Renthof dahier, 
welches Wilhelm IV. im Kreise seiner Räte und obersten Staatsbeamten dar 
stellt, und der übrigen dort noch vorhandenen Wandverzierungen1) Sonst 
ist er viel auf Reisen und außerhalb tätig, so 1581 in Weimar und Braun- 
schweig und seit 1582 am lothringischen Hofe in Nancy, wo man ihn gern 
gehalten hätte. Das unstete Leben war gewiß nicht gut für ihn; denn wenn, 
1) Knetsch in der Z. H. G., Bd. 40, S. 324, Anm. 2.
	        

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