Full text: Geschichte der Residenzstadt Cassel

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Renaissancetorbau nach der Stadtfeite zu, und legte (1593) die Rennbahn an, 
die er mit ersterem durch eine Brücke verband. An der 6cke des Steinwegs er 
baute er unten das Ballhaus, ein Gebäude, in welchem sich die Hofgesellschaft 
mit dem Federballspiel belustigte, und oben, da wo jetzt das Tlaturalienmuseum 
steht, das sogenannte Ottoneum, ein Theater nach antikem Muster, von dem als 
bald noch die Rede fein wird. Endlich fei erwähnt, daß er die Tleustädter Mühle 
von Grund aus neu erbauen und einrichten lieh, und daß die Gaffe vom 
Weißenhof nach dem Töpfenmarkt auf feine Anordnung durchgebrochen wurde. 
Zu den Gartenanlagen in der Aue, die fein Vater begonnen, fügte er 
1604 weitere Cändereien hinzu, die er der Stadt gegen das Wäldchen auf dem 
Rratzenberge abtauschte, und nannte den Park seitdem die Moritzaue, das 
Schlößchen darin fein Mauritianum. Besonders aber liebte er das Jagdschloß 
auf dem Weißenstein, dessen alte Klostergebäude er großenteils beseitigen ließ, 
um hier (seit 1606) ein neues Custhaus, das Mauritiolum leukopeträum mit 
Parkanlagen aufzuführen. 
Moritz war, erst zwanzigjährig, zur Regierung gelangt. Jn erster Ehe 
(seit 1593) mit der Gräfin Agnes von Solms vermählt, die ihm 1602 starb, 
heiratete er in zweiter die Gräfin Juliane von Tlassau-Siegen; aus beiden 
Ehen hatte er eine zahlreiche Nachkommenschaft. Die Mitwelt hat ihm den 
Beinamen des Gelehrter gegeben, und das mit Recht, denn er beherrschte 
die Wissenschaft seiner Zeit vollkommen. Er sprach außer dem Catein vier 
lebende Sprachen, verstand auch Griechisch, Ungarisch, Hebräisch, Syrisch 
und Chaldäisch. war er doch sogar imstande gewesen, einer Gesandtschaft 
des Perserkönigs Abul Abbas des Großen, die unter Führung des Engländers 
Sir Anton Sherley im Jahre 1600 auf ihrem Wege nach Prag an den Hof 
des Kaisers Rudolf II. Cassel berührte und beim Candgrafen zu Gaste war, 
in ihrer eigenen Sprache zu antworten. Dieser fremdartige Besuch wird ein 
besonders merkwürdiger Anblick für unsere Vorfahren gewesen sein. Schade, 
daß wir den Bericht nicht kennen, den die Perser über die in Cassel empfan 
genen Eindrücke erstattet haben! 
Des Landgrafen Bedürfnis, sich wissenschaftlich und künstlerisch zu be 
tätigen, war außerordentlich. Die Entfremdung der Marburger Universität, 
die seinen Vater bereits zur Anlegung der Bibliothek bewogen hatte, war der 
Grund, daß er im Jahre 1595 in hiesiger Stadt eine hohe Schule stiftete, die 
Hofschule, welche die Ziele einer Universität verfolgte. Er ließ dafür die Räume 
des alten Karmeliterklofters dicht an der Brüderkirche herrichten. Nach dem 
Anfall der Marburger Erbschaft (1604), womit auch die Hochschule wieder in 
feine unmittelbare Verfügung kam, gab er dann seiner hiesigen Stiftung eine
	        

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