Full text: Geschichte der Residenzstadt Cassel

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meister Hans von Ulm, der 1560 als solcher in der Landgrafen Diensten stand, 15 
zutrauen. Hat er doch auch dem südlichen Turm der St. Martinskirche von 
1564 ab den achteckigen Renaissance-Oberbau gegeben, der erst vor anderthalb 0 
Jahrzehnten einem mißverstandenen Purismus hat weichen müssen. 
Die Kirche, von deren Türmen der nördliche nur bis zur Dachhöhe, der 
südliche bis zum ersten Umgang gediehen war und eine notdürftige Holz- 
konstruktion zum Aufhängen der Glocken erhalten hatte — daher eines der 
drei Kasseler Wahrzeichen, — mußte in dieser form einen durchaus unfertigen 
Eindruck machen. Sie sollte, seitdem die Elisabethenkirche in Marburg dem 
im Katholizismus verharrenden Deutschen Ritterorden daselbst hatte ge- 
geräumt werden müssen, in ihrem Schoß die Gebeine der hessischen Fürsten 
und ihrer Familienglieder aufnehmen, und so mochte Philipp wünschen, ihrem 
äußeren Bau den künstlerischen Abschluß zu geben. Daß dies in einem dem 
übrigen Bauwerk fremden Stil geschah, dafür hatte die Zeit kein Empfinden 
(Abb. Tafel 6). Am 25. August 1565 wurden die Glocken durch die landgräf- 
liehen Büchsenmeister auf den vollendeten Turm emporgewunden. Richt 
ganz zwei Jahre später geleiteten ihre weihevollen Klänge den größten der 
Hessenfürsten, Philipp den Großmütigen, auf dem Wege in die Gruft, die er 
unter dem Chor der Kirche erbaut hatte, und in der er neben seiner Gemahlin 
Christine von seinem tatenreichen Beben ausruhen wollte. Er starb am 31. 
8 März 1567, erst 62 Jahre alt. ' 
In die Regierung Landgraf Wilhelms IV. (Bildnis Tafel 7) fällt die erste 
Blütezeit der Stadt Cassel, als deren Anfangstermin wir den Augsburger 
Religionsfrieden ansetzen dürfen, weil von da ab die Gefahr eines Religions 
krieges als beseitigt betrachtet werden kann und die Uerhältnisse in ein ruhiges 
und gedeihliches Fahrwasser einlenken. Der Candgraf hat direkt wenig dazu 
getan; indirekt desto mehr: nämlich einmal durch sein Beispiel und sodann 
durch seine hervorragende Bautätigkeit. Wilhelm war ein ausgezeichneter 
Uolkswirt und vortrefflicher Haushalter. Es ist ihm wohl so leicht nichts ent 
gangen, was feine Haushaltung heben konnte, und überall hat er fein Auge, 
damit die Wirtschaft bei Hofe wie auf den Domanial- oder Kammergütern 
bei geringstem Aufwand das Mögliche leistet. 
Philipp hatte sein Band unter seine vier Söhne geteilt und Wilhelm 
dabei etwa die Hälfte des Ganzen davongetragen. Die Bandesteilung war 
der zweite verhängnisvolle Fehler, den der alte Landgraf beging, und der 
wohl vornehmlich als eine Folge des ersten, der Doppelehe, aufzufassen ist.
	        

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