Full text: Geschichte der Residenzstadt Cassel

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Freilich bei der ersten Gelegenheit, wo die Werke hätten wirksam sein 
können, durfte kein Gebrauch davon gemacht werden, und die Kosten waren 
vergeblich aufgewandt. Der Schmalkaldische Bund war Philipps eigenstes 
Werk, ein Meisterstück staatskluger Vermittelungspolitik, wodurch die pro- 
testierenden Keichsstände allein befähigt waren, dem Kaiser und der katho- 
lischen Reaktion die Spitze zu bieten. Gestützt auf diese geeinigte Macht hatte 
Philipp es wagen können, den vom Schwäbischen Bund vertriebenen Herzog 
Ulrich von Württemberg, der sieben Jahve lang als Gast, zuerst heimlich, 
dann "öffentlich, an seinem Hofe dahier gelebt hatte, durch den rasch er 
rungenen Sieg bei Laufen am Neckar (1534) wieder in sein Land zurück 
zuführen und letzteres von der österreichischen Botmäßigkeit zu befreien. 
Aber es kam der unheilvollste Schritt im sehen Philipps, seine am 4. 
März 1539 eingegangene Doppelehe mit der Margarete von der Sahl, einem 
Hoffräulein seiner Schwester, der Herzogin von Sachsen zu Rochlitz. Philipp, 
der durch seine stark sinnliche Veranlagung, durch unangenehme körperliche 
Eigenschaften feiner Gemahlin Christine und durch Gewissenszweifel, wie er 
sich verhalten solle, gedrängt, mit der Mutter des Hoffräuleins sich in Unter 
handlungen eingelassen hatte, war von dieser derart auf die Bahn der Nach 
giebigkeit gedrängt worden, daß er den Ausweg der zweiten Ehe wählte, 
um in den Besitz des Mädchens zu gelangen. Er hatte sicher gehofft, daß die 
Sache geheim zu halten sein werde, hatte aber die Unvorsichtigkeit begangen, 
der Mutter die Urkunde über die rechtlich vollzogene Eheschließung auszu 
händigen und hatte damit das Geheimnis preisgegeben, das, als es ausgetragen 
worden, nicht verfehlte, ungeheures Aufsehen zu erregen. Don den bisherigen 
Freunden scharf getadelt, sah Philipp sich zur Annäherung an Kaiser Karl V. 
genötigt, und dieser, der beste, aber auch der unzuverlässigste Diplomat seiner 
Zeit, war klug genug, ihm die Hand zu bieten. Durch einen Sondervertrag 
mit dem sandgrafen (1541 auf dem Reichstage zu Regensburg abgeschlossen) 
nahm er diesen in seinen Schutz, ließ sich aber dafür dessen sossagung von 
England und Frankreich versprechen und legte damit den Bund, dessen ei 
gentlich treibende Kraft Philipp gewesen war, lahm. Dem Kaiser war es 
selbstverständlich kein Ernst mit einer solchen Annäherung; ihm war es neben 
der Hilfe gegen die Türken, die ihm der Fürst leisten mußte, vornehmlich 
darum zu tun, den Gegner hinzuhalten, bis er freie Hand bekäme, um die 
Austilgung des Protestantismus im Reiche in die Hand nehmen zu können, 
für dessen inneres Wesen der Spanier auf dem deutschen Königsthron kein 
Verständnis hatte. Einen greifbaren Nutzen brachte die neue Freundschaft 
dem hessischen Handel wohl insofern, als die Hollplackereien, die der unleidliche
	        

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