Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

bei Erwähnung von der Flucht des Elenden, daß ich 
ihm gegenüber unwillkürlich in die Worte ausbrach: 
„Ich glaube bald, die schwarze Hexe besitzt immer 
noch Deine Sympathien!" — Es war das erste Mal 
seit der Abreise des Mädchens mit dem Californier, 
daß ich in seiner Gegenwart seine Leidenschaft zu der 
Kellnerin auf das Tapet brachte. 
(Fortsetzung folgt.) 
Line Trauung für zwei Penny. 
Aus den Papieren eines Missionairs. 
Nach dem Englischen des 8oIou kodin8on. Deutsch von R. Müldener. 
^Drines Abends war ich beschäftigt, meine Bücher ab- 
zuschließen und mich dann nach dem auf diese 
Xc Weise vollbrachten Tagewerke zu Bett zu begeben, 
als plötzlich unser Mädchen mir anzeigte, daß ein Mann 
und eine Frau, Beide sehr zerlumpt, mich zu sprechen 
wünschten. 
Ich ließ sie heraufkommen. 
Ich habe viele elende und zerlumpte Leute gesehen, 
nie aber ein elenderes und zerlumpteres Paar, als das 
jenige, welches bald darauf zu mir in das Zimmer trat. 
Der Mann trug weder Hut noch Schuhe, weder 
Nock noch Weste; sein langes Kopf- und Barthaar hing 
voll Schmutz. Seines Gewerbes war er ein Maurer 
und zwar einer der besten in der Stadt. Das Frauen 
zimmer trug den letzten Ueberrest eines seidenen Hutes, 
an den Füßen ein paar Dinger, die für Schuhe gelten 
konnten, und ein altes, sehr altes Kleid, welches einst 
ein schwerer Merino gewesen war, und was die Unter 
kleider anbetrifft, so schienen ihr diese gänzlich zu fehlen. 
»Was wollt Ihr von mir?« redete ich das zer 
lumpte Paar an, als die Stubenthür sich hinter ihm 
geschlossen. 
„Wir wollen getrauet sein, mein Herr!" antwortete 
der Mann. 
»Getrauet? ... WarumV« 
„Nun sehen Sie, wir denken, es ist unrecht, daß 
wir noch ferner so zusammenleben, haben uns deshalb 
die Sache überlegt, und sehen Sie " 
»Ja, ja; Ihr habt Euch die Sache bei der Flasche 
überlegt, das sehe ich, und Euch im Rausche entschlossen, 
Euch trauen zu lassen, wenn Ihr aber nüchtern geworden 
seid, so wird die Sache Euch vermuthlich gereuen.« 
„Nein, Sir; wir sind nicht so arg betrunken, daß 
wir unseren Verstand nicht hätten, und wir glauben, 
wir thuen nicht das, wozu unsere frommen Eltern uns 
angehalten haben. Wir haben gelesen, wie viel Gutes 
Sie anderen, eben so armen Ausgestoßcnen gethan haben, 
wie wir es sind, und wir möchten, daß Sie es auch 
mit uns versuchten —" 
»Gelesen?« — unterbrach ich den Mann. »Könnt 
Ihr lesen? Les't Ihr in der Bibel?« 
„Nun, in der letzten Zeit haben wir freilich nicht 
viel in der Bibel gelesen, wohl aber in den Zeitungen, 
worin wir auch manchmal etwas Gutes finden. Wie 
können wir in der Bibel lesen, während wir uns be 
trinken?" 
»Meint Ihr, daß das Heirathen Euch vom Trinken 
abhalten wird?« 
„Ja, denn wir wollten zugleich dem Mäßigkeits 
verein beitreten und werden unser Gelübde halten, ver 
lassen Sie sich darauf." 
»Wie wäre es, wenn Ihr erst das Gelübde ab 
legtet? Wenn Ihr dasselbe dann haltet, mäßig und 
ordentlich seid, fleißig arbeitet und Euch reinliche Kleider 
angeschafft habt, dann, ja dann will ich Euch trauen.« 
„Nein, das gehet nicht"; antwortete der Mann. 
Ich würde mir immer vorwerfen, was für ein erbärm 
licher Schuft ich bin, daß ich mit diesem Frauenzimmer, 
das von Hause aus gar nicht so schlecht ist, so wild zu 
sammenlebe. Dann werde ich trinken und es wird mit 
trinken — ah! der verflixte Rum — und nichts 
wird uns vom Trinken abhalten. Wären wir aber ver- 
heirathet, dann, dann, Herr, würde meine Frau sagen: 
„Thomas, lieber Thomas, laß' Dich nicht verführen!" 
Ja, so würde sie sagen und mich nicht mehr ein altes, 
schmutziges Schw— schimpfen. Wer weiß? Wir könnten 
noch so werden, daß unsere Mütter sich unserer nicht 
zu schämen brauchten!" 
Jetzt brach das Frauenzimmer, welches bisher ein 
mürrisches Stillschweigen beobachtet hatte, in Thränen 
aus. 
„„Mutter! Mutter!"" rief sie aus, „„ich weiß
	        

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