Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

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die Schranken, welche conventionelle Verhältnisse gezogen, 
übersprungen zu werden, und immermehr glich der 
Rausch alle Unterschiede aus. 
.Da winkte der König. 
Die Flügelthüren sprangen aus, und herein hüpften 
mit den reizendsten Attitüden in dem lustigen Ballct- 
costüm, Weinrauken in den wallenden Locken, mit 
lautem „Evoe! Evoe!" die Grazien des königlichen 
Ballets: die Couston, die Adele Louis, die Herberti und 
die Lavancourt, sowie die Priesterinnen der Kamönen, 
die Delys, die westphälische Nachtigall; die vergötterte 
Blangini und die ausgelassene Rosier. 
Immer näher umschwärmten die Bacchantinnen die 
fröhliche Tafelrunde, die Zecher, Einen nach dem Andern, 
zu bekränzen, bis daß der Letzte im Weinlaubschmucke 
prangte. 
Ein lautes Evoe dankte den schwärmenden Nymphen, 
und laut knallten die Champagnerflaschen dazu. — 
„Trink', schwarzäugige Taube!" rief der König 
und hielt das schäumende Glas der Couston hin. 
Ein reizendes Lächeln, das der Venus abgestohlen 
zu sein schien, glitt über das morgenschöne Angesicht 
der Tänzerin, ein graziöser Pas trug sie dem König 
näher und, ans den Zehen um sich selbst herumwirbelnd, 
sang sie die improvisirte Strophe: 
„Wenn der Tauber trinkt, 
Trinkt die Taube auch; 
So, mein König ist's 
Bei dem Becher Brauch. 
Trinke!" 
„ Trinke! Trinke!! Trinke!!!" umtanzten den 
König die Bacchantinnen, und er — trank — — und 
sie tranken. — 
„Evoe! Evoe!" aberschallte es von der Tafelrunde. 
„Höre, schwarzäugige Taube!" flüsterte der König, 
als nach einer Weile die Couston ihm näher kam. 
„Macht mir den Ducoudras munter; der Trübetrost 
hat noch keine Viertelflasche auf dem Conto!" 
Mit keckem Sprunge war die Tänzerin unter ihren 
Genossinnen, und laut kicherte die Gesellschaft. Bald 
daraus umschwärmte sie den Grafen Bernterode und 
neckte ihn auf jede Weise. Die liebeflötende Delys 
hing sich an seinen Arm. Als er sie umfassen wollte, 
entglitt sie geschmeidig seiner Hand, und indem sie 
auf den Fußspitzen um sich selbst kreiste, erklang ihre 
Stimme: 
„Trink, mein Brüderchen! Trink, mein Brüderchen! 
Trinken gibt C^rage! 
Und besser herzt sich's nach dem Trunk, 
Kommst Tu zur Frau Lesage." 
„Bravo, Delys! Da Capo! Da Eapo!" schrie es 
im wilden Chor. 
Jerome lachte. 
Graf Bernterode warf einen giftgetränkten Blick 
der Sängerin zu, und General Morio stieß einen der 
ben Fluch aus. Die Delys aber mischte sich unter die 
Tanzenden. 
„Evoe! Evoe!" schrie der König. Da knallten 
die Stöpsel, der weiße Schaum floß, und wilder raste 
der Tanz der bereits angesäuselten Mänaden um die 
halbtrunkenen Zecher. 
Plötzlich hielten die Tanzenden eilt und affectirten 
eine lauschende Stellung. Die Lavancourt, die Juno 
des Reigens, ahmte der Delys hinter dem Grasen 
Bernterode nach und ließ ihren Gesang ertönen: 
„Trink nur, Brüderchen! Trink nur, Brüderchen! 
Trinken gibt Courage! 
Die blaue Dame nenn' ich Dir, — 
Trinkst Du nicht — zur Blamage!" 
„Das hat Dir der Teufel oder Morio geplaudert!" 
fuhr der Graf von seinem Stuhle in die Höhe. 
„Was lst's mit der blauen Dame? Was hat 
Morio geplaudert? Erzählen!" ries der König, welcher 
hinter dem Aufbrausen Ducoudras ein galantes Aben 
teuer vermuthete. 
„Erzählen! Erzählen!!" echoten die Zecher. 
„Erzählen! Erzählen!!" umschwärmten die Bacchan 
tinnen die Tafelrunde und placirten sich zwischen die 
Zecher. 
„Erzählen, Lavancourt! Erzählen!" 
Der schlaue Gras Bernterode wehrte dem, indem 
er erklärte, es selbst mitzutheilen. Zugleich beschloß 
er, sich an der Lavancourt, welche sich für das schönste 
Mädchen der Residenz hielt, zu rächen und einen 
Trumps gegen die Turnau's auszuspielen. 
„Vorerst ein Evoe der blauen Dame!" sprach er 
und ließ den Pfropf knallen! „Evoe!" rief er und er 
hob den schäumenden Becher. „Evoe, der blauen Dame! 
Evoe, dem schönsten Weib des Königreichs!" 
„Evoe!" fiel die ganze Gesellschaft darein. 
Der Graf erzählte sein Abenteuer natürlich so, 
wie er es sich zurecht gelegt hatte und schloß mit den 
Worten: „So ist es. Kein schöneres Weib sah je
	        

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