Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

^^rinfam war es auch jetzt Margarethen, immer und 
überall fühlte ihr Herz sich einsam, seitdem sie von 
Warberg getrennt war, seit die Hoffnung, einst 
von ihm geliebt zu werden und ihm anzugehören, ihr 
entschwunden war. Seit sie in Böhmen ihn zuletzt ge 
sehen, hatte sie nichts mehr von ihm gehört, und hatten 
ihre Lippen seinen Namen nicht mehr genannt. Sein 
Freund, der Maler Lorenz, der Einzige, durch welchen 
sie eine Nachricht von ihm hätte erhalten können, war 
nicht mehr in B , er hatte sich gleich im Frühjahr 
des Jahres 1866 aus dem Lärm und Getümmel des 
Krieges nach seinem geliebten Italien geflüchtet und 
war noch nicht von dort zurück gekehrt. So war der 
Winter vergangen, und Margarethe war noch stiller und 
trauriger geworden, als der Mai mit seinem lachenden 
Sonnenschein, seinem frischen Grün und seiner Blüthen- 
pracht gekommen, denn nur der Glückliche vermag sich 
an dem Erwachen der Natur zu erfreuen, wessen Herz 
ein schweres Leid bedrückt, der fühlt es doppelt schmerz 
lich, wenn um ihn her Alles grünt und blüht, und 
überall neues Leben sprießt. Das empfand Margarethe 
auch, und während ihr Onkel häufig mit befreundeten 
Familien Ausflüge in die hübschen Umgebungen der 
Stadt machte, suchte sie immer unter irgend einem 
Vorwand zu Hause zu bleiben. So war sie auch heute 
allein zurück geblieben und blickte, am offenen Fenster 
stehend, den Schaaren von fröhlichen, geputzten Menschen 
nach, die der Sonntagnachmittag und das schöne Wetter 
in's Freie lockte. Da blieb plötzlich ein Mann vor 
dem Hanse stehen und zog, zu ihr hinauf sehend, den 
Hut ab. 
„Sie erkennen mich wohl nicht mehr?" fragte er 
ihren erstaunten Blick bemerkend. „Ich bin der Schreis 
ner Sibel, zu dem Sie....." 
„Ja wohl", unterbrach sic ihn freundlich, „ich erin 
nere mich Eurer noch sehr wohl, aber ich hätte Euch 
wahrhaftig nicht wieder erkannt, und die Frau und die 
Kinder noch weniger. Kann der dicke, rothbackige Junge 
neben Euch wirklich das blasse, kranke Bübchen sein, 
was damals so krank war?" 
„Ja!" lachte Sibel, und blickte wohlgefällig auf die 
stattliche, gut gekleidete Frau und die blühenden Binder, 
zu denen seitdem noch ein drittes, das eine Magd im 
Wägelchen nachfuhr, gekommen war, „uns geht es jetzt 
anders, als damals; der Professor Warberg, der hat 
uns geholfen. Erst hat er mir die Frau und das Kind 
kurirt, dann habe ich durch ihn Arbeit und viele Be 
stellungen bekommen, und jetzt schaffe ich sckon mit drei 
Gesellen." 
„DaS freut mich herzlich!" sagte Margarethe. 
„Wie geht es denn dem Herrn Professor Warberg?" 
fragte Sibel weiter. „Ist er noch nicht verheirathet?
	        

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