Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

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Der Bastard. 
Erzählung von Ludwig Mohr. 
(Fortsetzung.) 
|]j)n diesem Augenblicke traten vier neue Gäste in das 
^ Zimmer. Sie trugen die blaue Blouse der Son- 
? nenbrüder. 
„Der Rothe!" schallte es im wilden Chor von 
der Tafelrunde. „Guten Abend! Woher so spät?" 
Bei dem Namen „Rother" richtete sich der Kopf 
des Mannes im Schatten von dem Bügel der Hänge 
lampe urplötzlich in die Höhe, und sein Auge blickte 
den Eingetretenen scharf an. 
„Aus Teufels Garküche!" antwortete der Angeredete. 
— So nannten sie in Norden die Räumlichkeit, die 
zur Aufnahme der Selbstmörder hergerichtet war. 
„Ah, so, es ist ja recht. Was ist an der Geschichte? 
Sprich!" 
„Von den zwauzigtausend Thalern?" 
„Ja wohl! — Erzähle!" 
„Nun, die haben sich alles Ernstes bei ihm ge 
sunden." 
„Der Schafskopf, sich zu hängen!" 
„Das Geld hat er seinem früheren Geschäftschef, 
dem bankerotten Banquier Reuo vermacht, damit derselbe 
die alte Firma wieder zu Ehren bringe." 
„Daun hätte er sie ihm geben können. Warum 
baumeln? Das hätte er sich ersparen sollen!" 
„Das ist eben der Haken. — Die alte Canaille 
war ein Original von Geizhals. In dem Schreiben, 
das er hinterlassen, und das ich vorlesen hörte, legt er 
das sonderbare Geständniß ab, daß er sich lebend nicht 
von seinen Ersparnissen habe trennen können. Das 
Wohl des Bankhauses aber liege ihm so an dem Her 
zen, daß er sich ihm lieber zum Opfer bringen wolle." 
„Nun, das ist schon ein Bischen der höhere 
Raptus!" 
„Meiner Seel', so habe ich auch gedacht. Ihr 
hättet dabei sein sollen, wie sie seine Commode öffneten. 
Das war Euch ein ganzes Arsenal von Cigarren, Talg- 
lichtstümpfen, schimmeligen Brotkrusten und dergleichen. 
In die Cigarren haben wir tüchtig hineingepackt. Hier!" 
Von diesen Worten begleitet, warf er eine Hand 
voll, die er aus den tiefen Taschen seines Kittels brachte, 
den Sonnenbrüdern auf die Tafel. Auch dem Manne 
in dem Lampenschatten warf er einige zu, ohne ihn eines 
Weiteren zu beachten. 
In diesem Augenblicke trat ein Mädchen, das längst 
über die Maienzeit weiblicher Schönheit hinaus war, 
in das Zimmer iinb verlangte eine Flasche Liqueur. 
Man sah ihr auf hundert Schritte an, daß sie eine jener 
Sumpfpflanzen war, die der Giftboden großer Städte 
wie die Pilze treibt. — 
Kaum hatte sie der Rothe erblickt, so nickte er ihr 
zu und rief: „Jettchcn, jetzt kannst Du den Banquier 
wieder rupfen. Der Lump hat zwanzigtausend Thaler 
geerbt!" 
„Rother, wie Du einmal wieder kurzsichtig bist! 
Du siehst ja, daß sie Liqueur holt. Er wird seinen 
Glückspostillon schon selbsteigen gemacht haben und 
jetzt mit ihr darauf anstoßen wollen!" warf Jener da 
zwischen, der bis jetzt das Wort geführt hatte. 
„Kannst gut rathen, Langer!" schnippte das Mäd 
chen herüber. — „In Schilda ist eine Rathsherrnstelle 
zu vergeben, willst Du Dich nicht melden? Der 
Dümmste wird sie erhalten! Meld' Dich!" 
„Abgeblitzt!" jubelten die Gäste und riefen nach 
neuem Stoff; während das Mädchen den Liqueur zahlte 
und ging. 
„Was war das für ein dralles Mädchen", nahm 
der Rothe wiederum das Wort, „als es noch im Hotel 
zum König von Preußen die Stuben besorgte und als 
Kammermädchen den Blitzableiter von den Launen der 
Banquiersfrau machte. Dieser Reno hat es auf dem 
Gewissen. Welches Loos blüht ihr einst? —" 
„Zerlumpt und zerlappt hinter einem Zaun ster 
ben, in einem Bordelle jämmerlich enden, oder im Mag- 
dalenenstist Bußpsalmen greinen!" 
„Ob sich wohl der reiche Hundsfott, der das Mäd 
chen zu Falle brachte, ein Gewissen daraus macht?" 
„Bah, so wenig, als darüber, einem Häslein das 
Lebenslicht auszublafen. Das gehört zu den noblen 
Passionen. Der Mann ist reich und hat bezahlt, soll 
er auch noch obendrein ein Gewissen haben? Das wäre 
ein Bischen zu viel verlangt." 
Der Mann im Schatten der Hängelampe stieß in 
diesem Moment heftig mir dem Glase auf. Der Onkel 
fuhr aus seinem Halbschlummer in die Höhe und humpelte j
	        

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