Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

Der „Casseler Salon" erscheint wöchentlich 1 Bogen stark. Pränumerationspreis 12'/, Sgr. exal. Postanfschlag pro Quartal. 
Man abonnirt bei allen Buchhandlungen, Postämtern und in der Expedition: Steinweg Nr. 24. 
Polin und Deutsche. 
Ein Zeitbild ans unseren Tagen von Franz Eugen. 
(Fortsetzung.) 
Siebentes Kapitel. 
(Mtzonate waren seitdem vergangen, Frühling und 
Sommer waren vorüber, und der Herbst mit sei- 
T nen kurzen Tagen, seinen kalten Nächten und 
feuchten Nebeln hatte seinen Einzug gehalten. In Mar 
garethens Leben hatte sich äußerlich wenig verändert; 
aber es war eine trübe, freudlose Zeit gewesen, die sie 
durchlebt, und immer drückender war für sie das Zusam 
menleben mit der Tante geworden, gegen deren Launen 
und Ansprüche, die sich stets steigerten, die Liebe ihres 
schwachen Onkels sie so wenig zu schützen vermochte. 
Peinlicher aber als Alles, was sie durch die Härte und 
Unfreundlichkeit der Frau von Wolfhagcn zu leiden 
hatte, waren nach und nach für sie die immer klarer 
und deutlicher hervortretenden Absichten des Pastor Abel 
auf ihre Hand geworden. Sie sah, wie sehr ihre Tante 
diese Heirath wünschte, wie selbst ihr Onkel dieselbe als 
eine gute und anständige Versorgung für sie betrachtete, 
und jeden Tag wurde es ihr schwerer, einer Erklärung 
Abel's auszuweichen, welcher der Unterstützung seiner 
Werbung von Seiten ihrer Verwandten ganz sicher, nicht 
länger durch Margarethens Kälte und Zurückhaltung 
sich von einem offenen Aussprechen seiner Wünsche ab 
halten lassen zu wollen schien. Das ganze Wesen des 
jungen Geistlichen, seine engherzigen, starren Glanbens- 
ansichten, seine selbstgefällige Eitelkeit, die überall unter 
der zur Schau getragenen christlichen Demuth durch- 
schimmerte. sogar sein Aeußeres, war ihr so entschieden 
zuwider, daß sie, selbst wenn es darüber zu einem 
Bruch zwischen ihr und ihren Verwandten kommen sollte, 
fest entschlossen war, seine Werbung abzulehnen. Viel 
lieber wollte sie bei Fremden als Gouvernante oder 
Gesellschafterin eine Unterkunft suchen, als die Gattin 
dieses verhaßten Mannes werden. So fest aber ihr Ent 
schluß war, so bangte es ihr doch vor dem Sturm, den 
ihre Weigerung heraufbeschwören mußte, und sie that 
Alles, um den entscheidenden Moment hinauszuschieben. 
Den sehr deutlichen Winken und Sticheleien der Tante, 
die ihr oft davon sprach, wie ein vermögenloses Mädchen, 
bürgerlicher Herkunft — diese Margarethen vorzuwerfen 
ließ sie keine Gelegenheit vorübergehen — sich heut zu 
Tage glücklich schätzen müsse, wenn ein braver Mann ihr 
eine Versorgung biete, und wie grenzenlos dumm und 
albern es sei, dann noch die Spröde spielen zu wollen, 
setzte sie ein beharrliches Schweigen entgegen, als verstehe 
sie durchaus nicht, worauf die Tante damit hindeuten 
wollte. Und wenn Abel, der jetzt ein sehr häufiger 
Gast im Wolshagen'schen Hanse war, dort erschien, so 
suchte sie, wenn es nur irgend möglich war, unter 
diesem oder jenem Vorwand das Zimmer zu verlassen. 
Die einzigen Lichtblicke in ihrem Leben waren immer 
noch die Stunden, welche sie in dem Atelier von Lorenz 
' •
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.