Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

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ging es schon mit den Stücken, welche Anton ans 
seinem Garderobevorrath geliefert hatte. 
Lisa konnte sich eines Lächelns nicht enthalten, als 
ihr Blick über das wunderliche Costüm des Burschen 
glitt, und sie ihn zu dem Vesperbrot, das seiner auf dem 
braunen Eichentisch in der Werkstube längst wartete, 
einlud. Mit wahrem Heißhunger machte er sich an das 
Essen. Jetzt erst sielen ihr die eingefallenen Wangen 
des Burschen auf, und zuin ersten Male in ihrem 
Leben schien sie die Schrecken, welche das Wort Hunger 
in sich birgt, zu ahnen, — Sie nöthigte, weil er sich 
zu geniren schien, und er ließ sich heißen und aß mit dem 
Appetit von zweien. Der Mensch machte einen tiefen 
Eindruck auf sie, wenigstens schaute sie, als er später 
mit Anton ging, sinnend hinter ihm her. 
Anton hatte inzwischen dem Befehl des Meisters 
gemäß die Schiebkarren hergerichtet und beförderte sie 
nunmehr mit dem Luxemburger nach dem Rathhause, 
wo Meister Ludwig gerade einen kleinen Disput ausfocht. 
Ein Handwerksgenosse machte ihm nämlich einen 
Vorwurf daraus, daß er den Stromer in seine Dienste 
genommen habe. „Ihr diskretirt das Handwerk!" 
hatte Jener gemeint. 
„Sehe das nicht ein!" war Meister Ludwigs 
Antwort gewesen. „Eine Arbeitskraft, und wenn auch 
eine geringe, wiegt schwer bei mir — dem Meister, und 
der Umstand, einen jungen Burschen vielleicht vom 
Untergange retten zu können, noch schwerer bei mir — 
dem Menschen!" 
„Napoleonische Flirren!" hatte der Nachbar in den 
Bart gebrummt und war in seine Bude zurückgekehrt. 
Indeß brachten Anton und der Luxemburger die 
reisefertigen Fahrzeuge. Meister Ludwig betrachtete sich 
den Gesellen vom Scheitel bis zu den Füßen. Die 
Metamorphose schien ihm zu behagen, er klopfte dem 
Gesellen die Schulter und sagte: „Wenn Du gut thust, 
Gesell', so soll es mir auf das Zeug zu einem Sonn 
tagshabit nicht ankommen. Verstanden? Und nun in 
das Geschirr." 
Meister Ludwig packte zuerst seinen Karren. Er 
schien seiner Kraft ein gutes Theil zuzutrauen, denn er 
befrachtete ihn über alle Begriffe. Als die Reihe an 
den des Luxemburgers kam, wandte er sich zu dem 
Altgesell: „Nicht zu schwer, Auton! Mutter Martha's 
Kochtopf schiebt nicht mit." — 
Nachdem Anton noch den dritten Karren herbeige 
schafft und auch dieser reisefertig gepackt war, eilte 
Meister Ludwig noch einmal nach Hause, seine Tages 
einnahme zu bergen und sich in das Reisehabit, das 
Lisa's Fürsorge bereit gelegt, zu werfen, ertheilte seine 
Befehle für den kommenden Tag, empfahl seinem Kinde j 
offene Augen im Haus und Geschäft zu haben, küßte j 
es zum Abschied, und als das Leben des Jahrmarktes ^ 
in Tharau allmälig verstummte, und die Dämmerung 
ihren halbdurchsichtigen Schleier um das Thal wob, 
kutschirte Meister Ludwig mit seinen beiden Gesellen, 
er voran, zu dem Thore des Städtchens hinaus. 
III. In der Wolle gefärbt! 
„Lasse es genug sein, Martha!" sagte Meister 
Ludwig an einem der folgenden Abende, als beide damit 
beschäftigt waren, den Erlös der abgehaltenen Märkte 
zu zählen und die verschiedenen Geldsorten zu ordnen, 
namentlich die Kupfermünzen zu rollen und zu petschiren. 
— „Der Einschlag", fuhr der Meister fort, „ist besser 
als der Zettel, laß ihn nur erst einmal Appretur be 
kommen !" 
Meister Ludwig bediente sich in seiner Umgangs 
sprache nach seiner Art gern Bilder, die er seinem Ge 
schäfte entlehnte. So drückte er seine Zufriedenheit mit 
dem Character eines Menschen aus, indem er von ihm 
sagte: „Er ist in der Wolle gefärbt." Jeder schlichte 
und offene Mensch war ihm Naturwolle und äußeres 
Auftreten Appretur re. 
Mit der erwähnten Antwort hatte er die Beiner- 
kungen seiner Frau, welche sich einiger Vorstellungen 
über die Annahme des Gesellen erlaubt hatte, von der 
Hand gewiesen und zugleich seine Zufriedenheit mit dem 
Burschen und die Hoffnung ausgesprochen, daß er mit 
der Zeit etwas Tüchtiges von bem Gesellen erwarte. — 
An den folgenden Tagen machte er in Stille den 
Beobachter, der junge Mensch war rührig und anstellig 
das konnte er nicht leugnen, ihm entging jedoch auch 
eine gewisse Unsicherheit in dessen Geschäftsmanipulationen 
nicht; ja einstens hatte er sogar ein hartes Urtheil auf 
der Zunge. Nach einigen Tagen war er jedoch froh 
dasselbe nicht geäußert zu haben und corrigirte sich selbst, 
indem er sich sagte, es wäre ein Fehlschuß gewesen, 
Alter! — und nach vier Wochen war Meister Ludwig 
so vollständig mit dem Burschen zufrieden, daß er ihn 
zu seinen besten Gesellen zählte und ihn von Kopf bis 
zu Fuß kleiden ließ. 
Es war an einem Sonntagmorgen, als der 
Luxemburger in seinem neuen Anzug in die Werkstatt
	        

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