Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

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Der Bastard. 
Erzählung von Ludwig Mohr. 
(Fortsetzung.) 
.^ler Tod der guten Mutter Rose brachte abermals 
einen Wendepunkt in Jeannetten's Leben. — 
Sie hatte der Alten versprochen, für den Knaben 
wie eine leibliche Mutter zu sorgen. Die nächste Frage, 
welche sich ihr nun aufdrang, war die, wie am besten 
das gegebene Versprechen zu erfüllen wäre. Nur nach 
zwei Seiten hin war das möglich. Entweder mußte 
sie den Knaben bei andere Leute iu Pflege und Zucht 
geben und für die Alimente aufkommen, oder sie mußte 
ihre Stellung im Stiche lassen und eine Hanthierung 
erwählen, welche es ihr ermöglichte, mehr zu Hause zu 
bleiben. -- 
Das erstere war die bequemste Art. Jeannette 
verschmähte dieselbe, weil sie für das Seelenleben des 
Knaben ebenso besorgt sein wollte, wie für sein geistiges 
Wohl. Aber was sollte sie beginnen, wenn sie daS 
gewisse Stückchen Brot, das sie bei Moppenheim hatte, 
ausgab? Ein Gedanke durchschoß sie. „Wie wäre es, 
wenn ich mir Mutter Rösen's Kundschaft zu erwerben 
suchte?" frug sie sich. Der Gedanke fand ihren Beifall 
und mit gewohnter Energie ging sie daran, ihn zu 
realisiren. Sie kündigte also Moppenheim. Der alte 
Herr, welcher es mit dem Mädchen gut meinte, rieth 
ihr ab und nannte ihr Vorhaben Thorheit. — Jean 
nette jedoch blieb sich treu, und die Standhaftigkeit, 
mit welcher sie das, was sie einmal als recht und gut 
erkannt hatte, festhielt, sollte durch einen schönen Erfolg 
gekrönt werden. 
Keiner von Mutter Rösen's Kundschaft sagte ihr 
ab. So verdiente sie prächtig. Man war mit ihrer 
ersten Wäsche sehr zufrieden gewesen, und so hoffte sie 
das Beste. — 
Das Opfer, welches sie dem Knaben brachte, ge 
wann aber durch einen andern Umstand noch doppelten 
Werth, denn ehe sie ihre Stelle bei Moppenheim quit- 
tirte, erfuhr sie bei der gerichtlichen Eröffnung des 
Testamentes, das sie zur Universalerbin der sämmtlichen 
Hinterlassenschaft von Mutter Röse eingesetzt, daß der 
Knabe weder ein Enkel noch sonst ein Verwandter der 
alten Wäscherin, vielmehr ihr Pflegekind war, über 
dessen Herkunft der letzte Wille der alten Frau voll 
ständig schwieg. Auch unter den wenigen Papieren der 
selben fand sich nicht das Geringste, was darüber Aus 
kunft hätte geben können. 
Wie viele Andere würden darin einen Grund ge 
funden haben, ein Versprechen nicht zu halten, das sie 
unter der festen Voraussetzung gegeben, daß der Knabe 
der Enkel der Alten sei. Nicht so Jeannette. Ob der 
Knabe Enkel oder nicht Enkel, sie sah in demselben nur 
die elternlose Waise; ja dieser Umstand schien im Ge 
gentheil ihr gutes Herz noch mehr zu verpflichten. — 
Ein Glück war es indeß für das Mädchen, daß 
diese zunächst liegenden Sorgen ihre eigene Herzensan 
gelegenheit in den Hintergrund drängten und so der 
Wucht des ersten Anpralls von ihrem Geschicke die 
Spitze abgebrochen ward. Als sie wieder zu sich selbst 
kam, hatte sie sich auch mit dem Gedanken vertraut ge 
macht , daß es nicht anders sein könne. Ihr Wille 
siegte über ihr Gefühl, und nach und nach ward es 
ruhiger in ihrem Busen. — 
So hatte sie Frau Neno bei ihrem Besuche ge 
troffen. — 
Das Frühjahr strich vorüber. Die Rosen vor 
ihrem Dachsensterchen blühten und welkten, und um 
die hohen Schornsteine der benachbarten Dächer sam 
melten sich bereits Morgens und Abends die zwitschern 
den Schwalbenheere, um sich zum Ausbruch in ein 
wirthlicheres Land zu rüsten. Wiederum verdunkelte 
sich das Fensterchen von dem frisch darauf gefallenen 
Schnee. Der Christbaum, welchen Jeannetten's mütter 
liche Liebe dem Kleinen geschmückt, ließ seine Lichterblü 
then leuchten und verblühen, und von dem hohen 
Thurme zu Norden trugen die Klänge das alte, an 
bitteren Erfahrungen überreiche alte Jahr zu Grabe. — 
Es war Neujahrsmorgen. 
Jeannette hatte ihr Pslegesöhnlein schon frühe her 
ausgeputzt und schickte es fort, in der nahen Bäckerei 
einen großen Neujahrkringel zu holen. Das ist ein 
Gebäck, das an dem Neujahrstage den Tischen der 
Nordener Bürgerschaft nicht fehlen durfte. 
Soeben kehrte er zurück. Jeannette hatte indeß 
den Kaffee bereitet, und Beide setzten sich zu ihrem 
Morgentrunke nieder. Als sie so saßen, ward plötzlich 
angeklopft. —
	        

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