Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

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lender Löwe und sieht, ob er nicht eine Seele ver 
schlinge ! Gerade die, welche, wie Sie, noch schwach im 
Glauben sind, fallen am leichtesten in Anfechtung." 
„Meinen Sie?" fragte Margarethe, und Spott 
und Widerwillen lag in dem Blick, der ihn flüchtig 
streifte. Aber lassen wir jetzt die Sache ruhen", fuhr 
sie fort, „nur bitte ich Sie, Ihren Einfluß ans meine 
Tante nicht dahin anzuwenden, daß sie mir verbietet, 
an diesen Stunden theilzunehmen, denn ich bin fest ent 
schlossen, mich einem solchen Verbot nicht zu fügen und 
würde eher dieses Haus verlassen, als mir meine per 
sönliche Freiheit in solcher Weise beschränken lassen." 
„Mein theures Fräulein, wie können Sie das von 
mir denken!" rief der Geistliche erschreckt. „Ich würde 
niemals suchen auf diese Weise einen Wunsch von Ihnen 
zu durchkreuzen, auch weun ich noch so sehr überzeugt 
wäre, daß seine Erfüllung Ihnen Schaden brächte. 
Fern sei es von mir, mich zwischen Sie und Ihre 
Verwandten zu stellen, wie sehr verkennen Sie mich! 
Daß es mir vergönnt sein möge, Sie auf den Weg 
des Heils zu führen, Ihre Seele dem wahren Glauben 
zurückzugewinnen, das ist der höchste Wunsch meines 
Herzens, und ich hoffe, der Herr wird meine schwachen 
Bemühungen segnen und Ihr Ohr seinem Worte er 
schließen, wenn mein unwürdiger Mund es Ihnen 
predigt. Ich werde für Sie beten, daß Sie in den 
Stunden, die Sie in dem Atelier dieses sreigeistigen 
Malers in der Ausübung seiner heidnischen Kunst zu 
bringen, nicht Schaden nehmen an Ihrer Seele." 
„Thuen Sie das!" sagte Margarethe kalt und 
stand auf, um den Gruß des Professors, der sich Ab 
schied nehmend vor ihr verbeugte, zu erwiedern. 
Nachdem dieser sich entfernt hatte, nahm Abel seine 
Lcctüre wieder auf, und der Nachmittag verging ohne 
irgend eine weitere Unterbrechung. 
Als Frau vou Wolshagen am Abeud mit ihrer 
Nichte allein war, sagte sie zu ihr: „Du hast Dich 
so sehr auf diese Zeichnenstunden kapricionirt und mit 
so rücksichtsloser Energie ans Deinem Willen bestanden, 
daß ich Dir nicht entgegen treten wollte, obgleich ich 
durchaus nicht einverstanden damit bin. Was nützen 
derartige schöne Künste einem vermögenslosen, bürger 
lichen Mädchen, wie Dir? Gar nichts! Es kann 
höchstens einen braven Mann abhalten, Dich zur Frau 
zu begehren, wenn er hört, daß Du dergleichen Allotria 
treibst, statt die Zeit nützlich anzuwenden. ,Bete und 
Arbeite !' das ist ein goldener Spruch, den man Dir 
gar nicht genug wiederholen kann, und den das verzär 
telte, verzogene Püppchen von der schöngeistigen, schwachen 
Mutter selten genug gehört haben mag. Ich hoffe 
wenigstens, daß diese dummen Stunden Dich nicht 
hindern werden, Deine übrigen Obliegenheiten gewissen 
haft zu erfüllen." 
Margarethe biß sich aus die Lippen: „Ich werde 
nichts vernachlässigen, was mir zu thun obliegt, liebe 
Tante. Ich werde alle meine Pflichten mit doppelter 
Freudigkeit erfüllen, wenn ich an diesen Stunden theil- 
nehmen und mein kleines Talent ausbilden kann." 
„Ich möchte nur wissen, was es Dir nützen soll! 
Da findest Du Dein Glück nicht! Mach' die Augen 
auf! Es liegt Dir nahe genug; aber nach einer ganz 
anderen Seite hin. Sind die Strümpfe fertig und die 
Hemden für die Kinder gezeichnet, die das letzte Mal, 
wo wir zusammen waren, übrig blieben? So! Gut, 
dann gehe in die Küche und siehe, daß wir Abendbrot 
bekommen; aber nimm nicht so viel Thee, Du machst 
ihn alle Tage stärker, lege auch nur zwei Scheiben 
Butter auf, die Kath'rine läßt von dem, was heraus 
kommt, nie etwas übrig." 
Margarethe ging, um den Auftrag zu besorgen und 
traf in der Thüre auf ihren Onkel, der seine Freiheit 
benutzt hatte, um die Ressource zu besuchen, was ihm 
seme Frau sonst nicht leicht gestattete. 
„Weißt Du, wer hier war?" rief seine Gattin 
ihm heiter entgegen. „Mein junger Freund aus Carls 
bad, der Professor Warberg! Er ist wirklich ein char 
manter Mann und außerdem ein sehr geschickter Arzt 
von großem Ruf, und ich habe gedacht, Wolfhagen, wir 
wollen ihn zu unserem Hausarzt wählen. Der alte 
Medicinaltath wird wirklich zu bequem. Neulich zu 
Nacht, als ich so unwohl war, wollte er nicht einmal 
selbst kommen, sondern schickte nur ein Recept." 
Der Oberst war durchaus nicht mit dieser Verab- ! 
schiedung seines alten, bewährten Hausarztes einverstanden, 
aber er hatte sich schon lange gewöhnt, um der Erhal- ! 
tung des häuslichen Friedens willen, den Wünschen j 
seiner Frau keinen Widerspruch entgegen zu setzen. So 
sagte er denn auch jetzt mit resignirtem Ton: „Wenn ! 
Du es für gut findest, diesen Fremden unserem treuen, 
bewährten Freunde vorzuziehen, so nimm ihn zum 
Hausarzt. Nur setze den Medicinalrath in schonender 
Weise von diesem Wechsel in Kenntniß, damit er nicht 
zu sehr davon verletzt wird." 
„Ueberlasse das nur mir, lieber Manu, Du weißt,
	        

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