Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

12 Wo 
gegen vier Uhr trat erst eine längere Pause in dem 
selben ein. 
In dieser Zeit erschien Mutter Martha. Der 
Meister erkannte schon von Weitem an ihrem erhitzten 
Gesicht, daß nicht Alles in Richtigkeit war. Er irrte 
sich darin auch nicht, denn kaum war sie bei seiner 
Bude angekommen, so brach ein gewaltiger Redestrom 
los. Der kurze Sinn desselben war, daß sie ihrem 
, Mann Mittheilung von einem Unfall, der den Fuhr 
mann, welcher sie nach dem acht Stunden entfernten 
Granzau zu Markte bringen sollte, getroffen hatte, 
machte. Demselben war das beste Pferd darauf gegangen, 
so daß er schlechterdings die Fuhre nicht leisten konnte. 
„So nimm Dir den Jonas!" antwortete Meister- 
Ludwig höchst gleichzeitig. 
„Und was willst Du anfangen?" frug dagegen 
die eifernde Ehehälfte. „Du wirst doch den Markt in 
Frielingen nicht versäumen wollen. Eher bleibe ich 
hier." 
„Wer hat davon etwas gesagt, Alte? Frielingen, 
unser bestes Markt im Stiche lassen, das ginge an!" 
„Du wirst jedoch keinen Fuhrmann im ganzen 
Orte finden; ich habe bereits überall herum geschickt." — 
„Du vergissest. Martha, wie ich es früher practi- 
civte; ich habe das noch nicht verlernt." 
„Aber die Reputation, Ludwig? Dazumal war 
es viel anders." 
„Die Reputation liegt darin, daß ich auf dem 
Platze bin. — Schicke also zum Jonas und mache gute 
Geschäfte, ich will mir schon helfen. Sende mir sofort 
den Anton! Adieu!" 
Zehn Minuten später trat ein verluderter Hand 
werksbursch, die Mütze in der Hand, an die Bude des 
Meisters und murmelte etwas in den Bart, das unge 
fähr wie: „vierzehn Tage keinen warmen Löffel im 
Leibe gehabt", lautete. 
Es war ein junges, verwahrlostes Bürschchen, mit 
Zottelkopf und unbarbirten Gesichte, dessen frische Farbe 
durch Schmutz, Sonnenbrand und Barthaar schwach 
irrlichterte. Der Mensch trug einen stark abgetragenen 
Sammetrock, aus dessen Aermeln die Ellnbogen das 
bekannte: „Ein freies Leben führen wir!" zu illustriren 
schienen. Die Schuhe waren zerfetzt und das Beinkleid 
total zerissen. 
Meister Ludwig sah dem Bürschchen scharf in das 
Auge, — dasselbe senkte den Blick. 
„Roch so jung und schon Stromer?" klang des 
Me sters Stimme ernst. 
„Ich bin kein Stromer, Meister; ich suche Arbeit!" 
„So spricht ein jeder von Euch Luderkerls, und 
doch dankt Ihr Gott, wenn man Euch keine anbietet 
und Euch mit einem Zehrpfennig weiter schickt." — 
„Sie irren sich, Meister; ich bin ein Vierteljahr 
auf der „Walze" !" 
„Was bist Du für ein Landsmann?" 
„Ein Luxemburger." 
„So? Dein Wanderbuch, Gesell!" 
„Ich habe es verloren, Meister!" 
„Daran erkennt man den Stromer!" 
„Sie thun mir iveh, Meister. Daß ich das Aus 
sehen eines Stromers l abe, daran ist lcdiglch der Um 
stand schuld, daß mir das Wanderbuch abhanden kam; 
ich war tief in Polen drinn und will zur Heimath. 
Gern hätte ich Arbeit genommen und anch welche be 
kommen, wäre mir das nicht mit dem Buche passirt." 
„Der Grund ist nicht ohne. Kein Meister hat 
gern mit der Polizei, die es streng mit der Alfanzerei 
nimmt, zu schaffen. Schau mir iu's Gesicht, Gesell! 
So! . . . Willst Du Arbeit, so sollst Du welche be 
kommen ; einen Zehrpfennig habe ich für Dich nicht." 
„Sie machen mich glücklich, Meister und sollen 
einen fleißigen Gesellen an mir haben." 
„Gut — und nun die Worte gespart. Ich will 
es mit Dir probiren." (Fortsetzung folgt.) 
Zum ewigen Frieden. 
Noch raucht die Erde von dem Blut der Schlachten, 
Noch hallt die Luft vom Donner der Kanonen: 
Wann endlich wird die Menschheit sich verschonen 
Mit solchen Uebeln, solchen vorbedachten? 
Als ob der Leiden, die die Welt umnachten, 
Nicht die Natur genug schon aller Zonen 
Den Menschen brächte, die in ihnen wohnen, 
Sieht man im Krieg sie noch nach größer'n trachten. 
Wann endlich wird der Menschheit Geist erwachen 
Zu jener Klarheit, der es ist beschieden, 
Unmöglich diesen Höllengott zu niachen? 
Wann endlich wird geboren wohl hinieden 
Der heilige Georg, der diesen Drachen 
Erlegt und uns gewährt den e w ' g e n Frieden? 
R. v. Boxberqer.
	        

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