Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

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Thür. Ich für meine Person würde nicht so schwach 
sein, und eine solche Zierpuppe schalten und walten 
lassen, wie sie wollte, und da Eigensinn und Laune 
fast immer Beigabe bei ihr sind, so würde es Hader 
setzen, und ich liebe den Frieden vor allem Andern. 
Damit meine ich, Herr Reno, das Debet genug belastet 
zu haben; hören Sie nun aber auch, was ich für Sie 
in das Credit setze: Sie haben ein schönes, renommirtes 
Geschäft, das Sie ermächtigt bei den reichsten Töchtern 
des Landes anzuklopfen, keine wird Ihnen so leicht 
einen Korb geben. Die Mitgift der Gattin wird die 
Lücken, welche die Garyonwirthschaft in das Geschäft 
gerissen, ausfüllen, die Extravaganzen hören aus, der 
Herr Gemahl wird an das Haus gefesselt, und das 
allein wird mehr als das Doppelte des Ausfalls decken, 
welchen die Ansprüche der jungen Frau verursachen 
werden. Heirathen Sie, junger Herr! Trotz meiner 
weiberseindlichen Ansichten rathe ich Ihnen doch ernstlich 
dazu. Heirathen Sie um des Geschäftes willen, aber 
bald. Noch ist es Zeit! —" 
Reno hatte das Gespräch abgebrochen. Kurze 
Zeit darauf erschien Frau von Dahlheim und über 
machte ihm ihr Vermögen; und er nahm dasselbe an. 
Jetzt, wo er auf dem Divan lag und seinen Gedanken 
nachhing, sagte er sich zu wiederholten Malen, daß es 
nicht so ganz ehrlich gewesen, dasselbe anzunehmen. 
Endlich schnarrte ihm das „Es ist noch Zeit!" des 
Procuristen in das Ohr, und er sagte: „ich werde hei 
rathen; ich werde sie heirathen — der Fall wird im 
Handumdrehen die Situation ändern." 
Reno hatte von seinem Vater ein beträchtliches 
Vermögen geerbt. Das Geschäft galt als das solideste 
der Resioenz. und der Sohn hatte durch Noblesse im 
Auftreten das Nenomms noch zu vergrößern gesucht. 
Noch jetzt war sein Ruf nicht erschüttert. Das konnte 
mit dem nächsten Morgen anders werden, und das 
Wort des Faetotums: „Noch ist es Zeit!" war sehr 
an der Zeit. 
Ich werde heirathen! Der Fall wird die Situation 
im Handumdrehen wenden! waren seine Worte; mst 
ihnen trat das Bild der Frau von Dahlheim vor seine 
Seele. „Sie wäre keine üble Partie und mit ihr 
fielen alle Bedenken fort. Was für eine Partie wäre 
sie erst, wenn " er unterbrach sich und vergegen 
wärtigte sich den Passus in dem Testamente des alten 
Nordeck, den in demselben Augenblicke der alte Fuchs 
im Eomtoir überlas, danu fuhr er fort: „Ja, existirte 
dieser Willi nicht, die Mitgift wäre eine splendide, und 
die Erinnerung an die Biermamsell nähme man mit 
in den Kauf. Warum har ihn der Teufel nicht ge 
holt? . . . Wenn er ihn noch holte? ..." 
Ein Frösteln lief dem Banquier über den Rücken; 
er dachte den Gedanken nicht aus, und unmuthig warf 
er den Cigarrenstumpf lei Seite. Nach einer Weile 
ergriff er die Tischglocke und läutete. 
„Gehe in den König von Preußen!" sagte er zu 
dem eintretenden gallonirten Diener. „Wenn die Jett- 
chen ausgeht, so soll sie zu mir kommen." 
Kaum hatte sich der Diener entfernt, so klopfte es 
vernehmlich an, und fast gleichzeitig ward ein Kopf in 
der Thür sichtbar, und ihm nach schob sich die wes- 
pentaillege Figur des Leutnant Robert, nachdem er sich 
von der Anwesenheit des Banquiers überzeugt hatte. 
„'Mahlzeit, Freundchen! Da gewesen? gut amü- 
sirt?" frug der Leutnant in einem Athemzuge; warf 
seine Mütze auf den nächsten Sessel und reichte dem 
Banquier die Hand. 
„Laß Dich nieder, Robert und zünde Dir eine 
Havanna an!" nickte der Angeredete, indem er sich 
aus seiner ruhenden Lage erhob, „ich lasse sofort eine 
Flasche Portwein vorfahren. Beliebt Dir ein An 
biß? Wildschweinskops? Es ist um die Zeit des Früh 
stücks." 
„Habe gerade keinen Appetit, Reno." 
„Pa, Wildschweinskops mit Ctlmberlandssauce, 
nichts Deliciöseres! Der Appetit stellt sich über dem 
Essen ein", animirte Reno, läutete und befahl das 
Frühstück. 
Robert ließ sich aus dem Tigerfell nieder und frug 
wiederholt: „Da gewesen? Gut amüsirt?" 
„Da war ich, Robert; aber vom Amüsiren kann 
nicht die Rede sein. Meine Anwesenheit war rein ge 
schäftlicher Natur." 
Wie gewöhnlich, wenn man auf eigene Faust 
pirscht. Sehe Dich jedoch vor, daß Dir der Fuchs 
nicht den Vogel holt, der Dir in die Schnellst gegangen. 
Als ich vor einer Weile am König vorüberpromenirte, 
entdeckte ich im Eckfenster den Lassen von neulich. Hast 
Du nichts in Erfahrung gebracht über den plötzlichen 
Wohlstand des Sonnenbruders?" 
„Und was nicht Alles; meine Vermuthung hat 
sich bestätigt, der Sonnenbruder ist der Erbe der Herr 
schaft Nordeck, also Euer Nachbar. Der alte Strang 
schläger ist gestorben, sein Testament hat Willi zum
	        

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