Full text: Der Casseler Salon (Jahrgang 1., Nr.1-30)

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stelligt, wandte sie sich wieder der Wäscherin zu und 
flüsterte: „Was macht der Kleine? Aber kurz, Mutter 
Röse!" 
„Sollen ihn sehen, gnädige Frau, wenn ich die 
Wäsche wieder bringe. Ist mich das ein Kerlchen gewor 
den. Backen hat er, wie Borsdorfer Aepsel, und rund 
und seit ist er, wie ein Schneckchen. Sollen sehen, gnä 
dige Frau!" 
„Nichts von sehen!" erwiederte Frau von Dahlheim 
kalt. Nichts davon! Hier ist Geld; es ist diesmal 
mehr als sonst. Das Mehr wird hinreichen, ihn malen 
zu lassen. Sein Bild genügt, klein, handgroß. Selbst 
herkommen dars er nicht; ich verzichte darauf, ihn zu 
sehen. Hören Sie, Mutter Röse und vor allen Dingen: 
— reinen Mund!" Nach einer kleinen Pause setzte sie 
lauter hinzu: „Wann kann ich die Wäsche wieder 
bekommen?" 
„Wenn mich der liebe Gott das Bischen Sonnen 
schein läßt, in zwei Tagen, gnädige Frau. Bis dahin 
wird alles auf das Beste besorgt sein." 
„Gut, dann bleibt es so." 
Ein Nicken des Hauptes verabschiedete die Alte. 
„Es gibt mich doch sonderbare Mütter auf der 
Welt!" schnurrte die alte Wäscherin noch ans der 
Treppe. „Doch was geht mir das an, sie zahlt mich 
gut, ich — ich thue mich meine Schuldigkeit und damit 
holla!" . . 
Zum drittenmal in der kurzen Zeit wurde der 
Schellenzug aus Nr. 11 gezogen. Rasch flog der Kell 
ner die Treppe hinauf und hätte die Alte mit ihrem 
Bündel fast über den Haufen gerannt. 
„Ist das Zimmer nebenan belegt?" herrschte Frau 
von Dahlheim den Kellner an und sixirte ihn mit miß 
trauischen Augen. 
„So examinirte mich soeben der Herr in dem 
Eckzimmer der oberen Etage auch; derselbe, über welchen 
die gnädige Frau Erkundigung einzog." Der Kellner 
hatte die Worte mit einem spitzbübischen Zug um den 
Mund begleitet, so daß Frau von Dahlheim indignirt 
ihn anfuhr: 
„Ich frug, ob das Zimmer neben dem meinen 
belegt sei!" 
„Noch nicht", fuhr der Kellner in stoischem Gleich- 
muth fort, „aber der Herr in dem Eckzimmer der oberen 
Etage will sich hineinquartieren." 
(Fortsetzung folgt.) 
Epistel. 
— Und so entschlummert ich bald in süßer, erquickender Ruhe; 
Träume umgaukelten mich und spielten beliebiger Richtung 
Einer den andern ersetzend, im wechselnden seligen Haschen. 
Alle vereinten sich doch zuletzt und eine Erscheinung, 
Groß und gewaltig, trat dem erstaunten Auge entgegen: 
Schiller, der selige Schiller! . . . Gar grenzenlos war mein 
Erstaunen. 
Und er begann sogleich, in hastiger Rede mich fragend; 
Ohne doch Rücksicht zu nehmen auf alles, was vorher geschehen, 
Ohne Bedacht, daß ich ihn und seine Aesthetik und alle, 
Die au der Zuckerkante des Schönen der Reihe nach leckten, 
Und mit der feindlichen Welt einen ewigen Streit mir erregten, 
Grade zum Teufel gewünscht, eh' der Schlaf meinen Zorn mir 
besänftigt. 
„Also", erhub er sogleich, „unglücklicher Sterblicher, sprich mir. 
„Doch nicht vom Markt der Gensd'armenV“ Mit bösem Ge 
wissen gleich ries ich's, 
Denn in Berlin bin auch ich und nicht in Arkadien geboren. 
„Ach, Du mein ehrlicher Schiller! Du kennst noch nicht die 
Berliner, 
Kennst nicht den Magistrat, voll Würde, und die Stadtver 
ordneten ' 
Siehst Du, obgleich ich Berliner, die bringen mich aus dem 
Concepte 
Und aus dem Verse heraus; wie kannst nun Du Dich beklageir? 
Unsere liebliche Stadt, sie denkt nicht an Wallenstein's Dichter; 
Hat sie doch selten Geld für Gutes, seltener für Schönes! 
Unbelästigt und warm nur wünschen die Herren zu sitzen, 
So betrieten sie sich mit dem eigenen Fette und bauen 
Sich ein prächtiges Stadthaus, behaglich und groß anzuschauen; 
Viele Millionen verwendeten sie und höhnten des Lübke. 
Lübke ist Dir doch bekannt? Ihr habt in der Hölle ihn sicher, 
Wie der Jenaer Zeitung schon lange der Grieche sich freute. 
Daß Ihr Weisen doch alle aus einem Klump in der Hölle 
Sitzt, und Euch gut unterhaltet, und Himmel und Erde allein 
laßt: 
Was auf Erden uns blieb, das ist nun alles langweilig, 
Oder es kam in den Himmel und singt dort aus dem Ge 
sangbuch.« 
„Freilich, so muß es wohl sein,"erwiederte seufzend mir Schiller; 
Denn schon seit längerer Zeit ist niemand von Erden gekommen, 
Uns Bericht zu erstatten von allem, was dorten passiret. 
Als die Geduld uns riß, da schickten sie mich denn nach oben, 
Nach den Dingen zu sehen, ob alles im rechten Geleise." 
„Nun, das glaube ich wohl,« so lachte ich in das Gesicht ihm, 
„Manches erschien Dir fremd und dumm, und manches auch 
böse.« 
„Leider," erwiederte drauf der treffliche Dichter, „so ist es." 
„Dürfte ich Dich nun fragen, was Zweck ist Deines Besuches? 
Auskunft suchst Du vielleicht, wie weit Dein Denkmal gediehen ?« 
„Unterbreche mich nicht! Im Gegentheil will ich Dir sagen, 
Liegt es mir sehr am Herzen, dort nicht aus dein Sockel zu 
stehen, 
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