Full text: Kasseler Handschriftenschätze

Fritzlarer Missale 
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Die Handschrift kam 1804 mit den Beständen des St. Peters-Kollegiatstiftes Fritzlar 
nach Kassel. Das ist durch das Fritzlarer Exlibris bewiesen, aber auch durch die Person 
des Stifters, des Fritzlarer Dekans Nicolaus von der Kra (= Krähe). Er hatte die 
Handschrift auf eigene Kosten herstellen lassen, was er durch folgenden kalligraphi 
schen Eintrag im vorderen Spiegel dokumentieren ließ: 
Dominice incarnationis anno Millesimo quadringentesimo vicesimo primo dominus 
Nicolaus von der kra decanus ecclesie friczlariensis hunc librum missalem presertim in 
honorem sancti et indiuidue trinitatis et gloriose virginis marie necnon beatorum petri 
(rubriziert!) et pauli apostolorum dicte ecclesie patronum ad celebrandum in eo maxime 
in festis dominorum declarauit canonicorum suis sumptibus scribi procurauit. . . 
1421 also hatte er das Buch schreiben lassen für seine Kirche, und besonders an den 
Festtagen sollte es benutzt werden. 
Nicolaus ist, wie wir seiner heute noch erhaltenen Grabplatte aus Bronze im Fritzlarer 
Dom entnehmen können, 1428 gestorben (Abb. in den Bau- und Kunstdenkmälern). Er 
ist dort in gleicher Robe und gleicher Haltung dargestellt wie in unserer Handschrift 
auf dem Kanonbild links zu Füßen Christi. Das Wappen derer von der Kra — eine 
schwärzliche Krähe in goldenem Feld oben, unten eine silberne Welle in blauem Feld - 
ziert nicht nur wie ein Etikett das Kanonbild, es ist als Beigabe zum Initialschmuck auf 
Bl. 10 r , 21 v , 114 r , 129 r , 134 v und 200 v präsent. Bl. 10 r wird es noch durch den 
Wappenhelm ergänzt. 
Als Dekan bekleidete Nicolaus das zweithöchste Amt im Stift; mit diesem Titel 
urkundete er auch z. B. 1425 Aug. 22 bis Sept. 1 (vgl.Demandt, Rechtsgeschichte). 
Folgende ehedem Fritzlarer Missalia enthalten Kanonbilder: 2° Ms. theol. 98, 100, 114, 
118, 120 a (herausgeschnitten), 120b, 122, 123, 125, 128, 130 (aus einer anderen Hs.), 
132, 135, 137, 162. Das Material reicht also durchaus zu eingehenderen Stilvergleichen. 
Enge Verwandtschaft in der künstlerischen Ausstattung zeigt dieses Missale mit 2° Ms. 
theol. 137, in gewisser Weise auch mit 162. Nach Anlage des Kalendars gehört es vom 
Text her außerdem noch zu 2° Ms. theol. 120b, 123 und 125, die alle im Fritzlarer Dom 
und dem Kollegiatstift St. Peter in Gebrauch waren. 
Das Kanonbild leitet also als Andachtsbild den Canon missae ein. Es stellt wie üblich 
die Kreuzigungsszene dar, während die T-Initiale auf der gegenüberliegenden Seite 
(154 r ) vor dem Text Te igitur clementissime pater per Iesum Christum filium tuum 
dominum nostrum supplices rogamus ac petimus... (= Dich aber, o mildester 
Vater . . .) häufig als Marterpfahl gestaltet ist, den Christus umschlingt. Aus diesem T 
hatte sich in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhundert das Kreuzigungsbild entwickelt, das 
nun als Andachtsbild fungiert. Damit wurde alle künstlerische Gestaltungskraft eben 
auf diesen Beginn des eucharistischen Hochgebetes konzentriert. Christus ist somit
	        

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