Full text: Kasseler Handschriftenschätze

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Weltchronik 
Rudolf läßt den Abschnitt babylonische Gefangenschaft aus und beginnt das vierte 
Zeitalter sozusagen personengebunden mit Moses. Der Sinn dieser Raffung liegt auf der 
Hand: Rudolfs Auftraggeber ist sein hochverehrter Herr und König, dem alle weltliche 
namin durh fride stillen gehorsamen (21562 f.), der Stauferkönig Konrad IV. (reg. 
1250-54). Rudolf ist Staufergefolgsmann mit ganzer Kraft, er will Konrad, der schon 
1237 auf Betreiben seines großen Vaters, Friedrichs II., zum deutschen König gewählt 
worden war und durch seine Mutter den Titel König von Jerusalem trug, stärken im 
Kampf mit den Gegenspielern: Papst und Fürsten des Reiches. Er ist, so sagt Rudolf, 
König von Jerusalem, er ist also ein anderer David, durch sein Amt begabt mit allen 
Tugenden, aller Geschichte, Weisheit, Gottesnähe dieser Ahnenreihe, er ist Sinnbild, 
Repräsentant einer Zeit, die sich durchaus eingebettet weiß in den Ablauf des 
Heilsgeschehens, so wie bei Moses und David. Wer ihn bekämpft, bekämpft den 
Heilsplan Gottes. So gesehen, gewinnt die nüchterne Weltchronik eschatologische 
Dimensionen bei höchster zeitpolitischer Brisanz. 
Der Zahl der Handschriften der Weltchronik ist Legion. Gustav Ehrismann kannte bei 
seiner Textausgabe von 1915 schon 76, inzwischen sind weitere hinzugekommen. Nach 
der Schlußschrift auf Bl. 295 r ist unsere Handschrift im Jahre 1385 geschrieben worden; 
da 46 r möglicherweise die Schlacht bei Sempach (1386) zwischen Österreichern und 
Schweizern dargestellt ist, freilich mit der Bildunterschrift Alhier strait Abraham den 
ersten streit mit der haidenschaft, kann auf eine wenig spätere Illustration geschlossen 
werden. 
Ihrem repräsentativen Charakter gemäß - sie ist mit Sicherheit für die ritterlich 
höfische Gesellschaft hergestellt worden - enthält die Handschrift im vorderen Teil 153 
Miniaturen. Es ist auffällig, daß sie sich in den ersten Abschnitten der Christherrechro- 
nik drängen, nach bzw. im Davidteil Bl. 177 v abbrechen - Bl. 203 v (David belauscht 
Bathseba) ist ein Nachzügler - und im weiteren Verlauf der Chronik nur noch 
sporadisch auftauchen (Bl. 258 v Nebukadnezar als Tier, 263 r Alexander ins Meer 
sinkend, 264 v Alexander als Luftschiffer; Alexander als Büßer). Die Bildunterschriften 
aber, die allesamt mit allhie . . . anfangen und rot ausgeführt sind, werden nach wie vor 
in den Text eingestreut - auch wenn, anders als beim Willehalm, keine Lücken für 
Miniaturen gelassen werden -, so daß man den Schluß ziehen muß, der Maler habe 
keine Vorlagen mehr gehabt, an die er sich hätte halten können. Daß er nämlich noch 
bis zur Fertigstellung des Kodex mitgearbeitet hat, geht daraus hervor, daß er seine 
prächtigen Initialen zu Beginn größerer Textabschnitte auch in den nicht illustrierten 
Teil zwischen Bl. 177 v und 203 v bzw. 258 v eingestreut hat. So werden die Bildlegenden 
zu Textüberschriften. 
Die Miniaturen sind in Deckfarben ausgeführt, durch Feuchtigkeit z. T. leider 
ausgelaufen und verschmiert. Die Darstellung ist wie üblich typisiert, Gewandung und 
Rüstung sind die des 14. Jahrhunderts. Formelhaftes steht neben durchaus Dramati 
schem, Realistischem; die Gesichter der Figuren - gemalt in Grisaille-Technik -,
	        

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