Full text: Kasseler Handschriftenschätze

Cassiodor 
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habe immer höchsten Wert auf wissenschaftlich einwandfreie, aber auch auf die 
künstlerisch und kalligraphisch stimmige Ausstattung seiner Handschriften durch seine 
Mönche Wert gelegt. Beide Zeichnungen, die Bamberger und die Kasseler, seien aber zu 
roh, als daß sie je seinen Ansprüchen hätten genügen können; zudem spiele im 
Cassellanus schon die karolingische Renaissance mit. So müsse man annehmen, daß sie 
der Phantasie von Schreibern entsprungen seien, die in ihren Vorlagen keine oder 
wenigstens keine auf Cassiodors Archetypus zurückgehenden Abbildungen vor sich 
hatten. Eine korrekte Schlußfolgerung, nur stimmt sie nicht, wie der Spaten bewies. 
Man darf an Cassiodors Institutiones aber nicht vorübergehen, ohne seine Schilderung 
der Lage des Klosters Vivarium gelesen zu haben (Kap. 29), die etwas von der 
bukolischen Heiterkeit des spätantiken geistlichen Weltmannes ausstrahlt, eine Schilde 
rung, die etwas vom fin de sfec/e-Schmelz der Mosella des Ausonius (geschrieben in 
Trier 371) hat, die kurz vor dem Ende der Römerherrschaft noch einmal den von der 
pax Romana geprägten ruhigen Lebensgenuß ausbreitet (Abdruck nach Milkau a. a. O.) 
Der lateinische Text gegenüber auf Bl. 28 r beginnt: 
Inuitat siquidem uos locus uiuariensis monasterii, ad multa peregrinis et egentibus 
praeparanda . . . 
So beschaffen ist also das Kloster Vivarium, daß es euch geradezu auffordert, Pilgern 
und Dürftigen reichlich zu spenden. Wohlbewässerte Gärten sind euer, und in nächster 
Nähe habt ihr die fischreiche Pellena, deren Strömung nicht stark genug ist, um besorgt 
zu machen . . . Durch Kunst gebändigt kommt sie zu euch, wo immer ihr sie braucht, 
befruchtet eure Felder und treibt eure Mühlen . . . Auch das Meer stellt sich in euren 
Dienst zu mancherlei Fischerei, und so oft es euch beliebt, könnt ihr euren Fang auch 
aufbewahren. Denn mit Gottes Hilfe habe ich dort Behälter geschaffen, in denen der 
ganze Schwarm, obwohl hinter Schloß und Riegel, frei sich tummeln kann; so sehr 
gleichen diese Behälter natürlichen Grotten, daß die Fische drinnen ihrer Nahrung 
nachgehen oder nach ihrer Art sich verstecken und gar nicht merken, daß sie Gefangene 
sind . . . 
Pergament • 169 Bl., dazu 2 Pergamentdoppelbl. einer Oktavhandschrift Vorsatz und 1 Doppelbl. 
Nachsatz • Haupttexte 29x21 cm • 25 Zeilen • Fulda • um 900 • Vor- und Nachsatz: 1. Hälfte des 
9.Jahrhunderts • Schrift: karolingische Minuskel, Auszeichnungsschrift Capitalis quadrata und rustica • 
mehrere Hände • Einband: 15.Jh., braunes Leder über Holzdeckel, Streicheisenlinien, Granatapfel 
muster, Einzelstempel, darunter u. a. durchschossenes Herz 1 , vgl. Ilse Schunke, Die Schwenke-Samm- 
lung 1, S. 135, Nr. 41; Schließen • Euldaer Titelschild um 1500
	        

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