Full text: Kasseler Handschriftenschätze

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wurden mittels dieser sowie auch anderer stenographischer Systeme protokolliert. In 
diesem Zusammenhang wird besonders der Kirchenvater Thascius Caecilius Cyprianus 
(um 200/210-258) genannt, der den Gebrauch der Noten seiner synodalen Aktivitäten 
wegen förderte. 
In der Merowinger- und Karolingerzeit war die Anzahl der Noten - graphischer 
Vokabeln - auf rund 13 000 Zeichen angewachsen. Mit der karolingischen Renaissance 
um 800 lebte die Verwendung der Kürzel deutlich auf. Fast jede Handschrift der Zeit 
zeigt Spuren davon. Die Häufigkeit nimmt dann jedoch ab, und im 12. Jahrhundert 
geben die Schreiber die Noten zugunsten eines anderen Systems von Abbreviaturen auf, 
wiewohl sich einige Zeichen (7 = et = und) hielten. 
Neben den Handschriften, in denen die Noten als Hilfsmittel Verwendung fanden, gibt 
es auch solche, in denen die Zeichen selbst die Hauptsache waren: Es sind dies 
lexikalische Zusammenstellungen aller gebräuchlichen Kürzel. Die Wörter sind nicht 
alphabetisch, sondern in Sachgruppen und innerhalb dieser nach Wortgruppen, nach 
einander verwandten oder konträren Begriffen, innerhalb kleinster Einheiten auch nach 
identischen Worteingängen, Wortstämmen, Präfixen geordnet. Didaktisches Geschick 
ist unverkennbar. 
Unter den recht zahlreichen Textzeugen dieser Buchgattung ist der Cassellanus 
unstreitig der älteste und vollständigste mit seinen 11 640 Noten. 
Im Zuge der Renaissance begann die philologische Beschäftigung mit der antiken 
Stenographie. Die heute noch gültigen Grundlagen der Erforschung dieses Phänomens 
legten dann Friedrich Kopp (1762-1834), Wilhelm Schmitz (1828-1898) und Emile 
Chatelain (1851-1933). Kopp stammte aus Kassel, war hessischer Beamter, bis er die 
Verwaltungstätigkeit zugunsten seiner wissenschaftlichen Arbeit aufgab. Der 2. Teil 
seiner Palaeographia critica, 1817 in Mannheim unter dem Titel Tachygraphia veterum 
erschienen und einer verständnisvolleren Nachwelt gewidmet, ist in Lexikonform nach 
Kopps Analyse der Zeichen und Gruppen, in die sie formal gehören, geordnet. Dazu 
griff er auf unseren Kasseler Kodex zurück. So sind die beiden bedeutendsten Zeugen 
alter Kurzschrift, nämlich der Kodex und ihr Künder, Cassellani. Der Stenographen 
bund Gabelsberger war sich der Bedeutung der Handschrift bewußt, als er 1914 
erhebliche Geldmittel für die Faksimilierung des Bandes zur Verfügung stellte. Als 
übrigens dieser Verein 1981 sein lOOjähriges Bestehen feierte, wurde der Handschrift 
nicht einmal mehr Erwähnung getan. 
Bei der Beschreibung des Kodex darf nicht das alte lateinische Schülerlied vergessen 
werden, das auf der Rückseite des letzten Blattes steht (Bl. 147 v ). Dieses Gedicht, das 
auch im Cod. Vat. 3799 überliefert ist, hat die Form eines Ahecedarius’, also der erste 
Vers beginnt mit dem Buchstaben a, der zweite mit h usw.; im Cassellanus ist die 
Ordnung allerdings gestört. In diesem Lied feiern die Schüler in der Karwoche das
	        

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