Full text: Kasseler Handschriftenschätze

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Notae Tironis et Senecae 
Signatur: 2° Ms. philol. 2 
Die Handschrift ist folgendermaßen gegliedert: 
V leer 
1 v —14 7 r Notae Tironis et Senecae mit dem heute stark zerstörten, in Capitalis quadrata und Uncialis 
geschriebenen Eingang: In Christi nomine Incipiunt Notae Senecae. 
147' Lateinisches Schülerlied 
Die Handschrift hat zwei Lücken, was man aus dem Lagenbefund und dem Vergleich 
etwa mit dem wenig jüngeren Wolfenbütteler Exemplar der Tironischen Noten ersehen 
kann: Nach Bl. 6 fehlt ein Blatt mit vermutlich 76 Noten, nach Bl. 7 sind es 5 Blätter 
mit fast 400 Noten. Diese Lücken bestehen schon, seit sich die neuere Wissenschaft mit 
dem Kodex beschäftigt. Der lexikalische Text ist äußerst sorgfältig ausgeführt, die 
Schrift freilich erscheint recht handfest. Der nordfranzösische Schreiber hat sein um 
oder kurz vor 800 entstandenes Manuskript nach vermutlich römischer Vorlage noch 
einmal durchkorrigiert. Weitere Schreiber - das kann man an der Verschiedenheit des 
Schreibduktus und der Tinte erkennen - verbesserten dann sowohl Noten wie Wörter 
nochmals und ergänzten sie. 
Die Herkunft der Handschrift aus der Pfälzer Erbschaft von 1686 ist seit langem 
bekannt. Der Heidelberger Bibliothekar Lorenz Beger (1653-1705) hatte sie in sein 
Verzeichnis der Heidelberger Bücher unter lit. 2. in 2° Nr. 32 eingetragen. Früher 
glaubte man an fuldische Provenienz. Weiter als bis zum Jahre 1686 und bis nach 
Heidelberg wurden die Spuren nicht verfolgt. Nun, in allerjüngster Zeit, scheint Licht 
in das Dunkel der Geschichte des Cassellanus zu dringen: Bei der Katalogisierung der 
Kasseler Handschriften aus dem Besitz des Sponheimer Abtes Johannes Trithemius 
(1462-1516), die ebenfalls 1686 von Heidelberg nach Kassel gekommen waren, fanden 
sich Hinweise auf ein alt verrunzelt huchlin, ein Lexikon Tironischer Noten, das 
Trithemius besessen hat. Der berühmte Sponheimer Abt (Sponheim liegt in der Nähe 
von Kreuznach, es kam später zur Kurpfalz), hochgelehrter Humanist, Autor 
zahlreicher theologischer und ,magischer“ Werke, Briefpartner Jakob Wimpfelings, 
Willibald Pirckheimers, des Konrad Celtis, des Kaisers Maximilian I. - Trithemius also 
hatte 1496 in einem Mainzer Kloster ein sehr altes Lexicon Tironianum entdeckt und 
erworben. Da einiges aus der berühmten Bibliothek des Trithemius in Sponheim später 
nach Heidelberg und von da nach Kassel gelangte, muß man auch mit der Möglichkeit 
rechnen, daß unsere Handschrift diesen Weg genommen hat. Nicht viele Handschriften 
können sich einer solch interessanten Geschichte rühmen; andererseits: 1200 Jahre!
	        

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