Full text: Tlavatli

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Kneipenmensch sich im Allgemeinen recht wenig um Religion zu kümmern 
pflegt und der Fromme im Alkohol den Teufel wittert. 
„Freiheit, die ich meine, die mein Lerz erfüllt, komm mit Deinem 
Scheine, holdes Engelsbild!" klang es plötzlich zwischen den Kübelpflanzen 
von den Säulen her. Eine rauhe, wenig Musikverständnis verratende 
Stimme sang das deutsche Lied in Justus Nähe, dieser beugte sich inter 
essiert zur Seite, wie man's unwillkürlich tut, wenn man fern der Leimat 
die geliebte Muttersprache hört. Da lag in einer Längematte ein bärtiger 
Mann, der gleichzeitig viererlei Beschäftigungen oblag: Er sang, er rauchte, 
er guckte in eine Zeitung und schaukelte sich dabei gemütlich hin und her. 
Da gab es aber plötzlich eine arge Unterbrechung dieser vier Tätig 
keiten. Der Strick oder die Längematte mußte zerrissen sein, denn mit 
einem leichten Aufschrei lag der Bärtige am Boden, Zeitung und Pfeife 
neben ihm. Lilfreich sprang ihm Zustus bei, besorgt fragte er: „Sie 
haben sich doch nicht verletzt?" 
Da stand das kleine gedrungene Männlein auch schon auf den Beinen, 
guckte Justus aus großen guten braunen Augen erstaunt an und entgegnete: 
„Danke sehr, der Schreck war die Lauptsache! Aber nett finde ich's, daß 
ich durch dieses kleine Llnglück einen deutschen Landsmann kennen lerne; 
ich fühle mich hier sehr verlassen." 
„Na, Sie sangen doch eben noch ganz lustig das Lied von der 
Freiheit." 
„Ja, weil mir grad' nichts Besseres einfiel. Nun möchte ich mich 
aber vorstellen: Mein Name ist Chrisostomus Eisenbarth, mit'n th bitte." 
Justus stellte sich ebenfalls vor, er betrachtete den kleinen Lerrn ge 
nauer, fand, daß er nicht in glänzenden Verhältnissen zu leben schien, 
denn abgesehen davon, daß der Kopf reichlich vernachlässigt aussah, schon 
lange des Laarschneiders entbehrte, zeigte auch der, obzwar saubere, 
weiße Anzug bedenkliche Spuren nahenden Alters. Freundlich lud er 
den Lerrn Eisenbarth zu einer Flasche Pilsener ein, das dieser mit Ver 
gnügen annahm. 
„Was machen Sie denn hier in Kalkutta?" fragte Justus teilnehmend, 
„Kaufmann sind Sie doch jedenfalls nicht." 
„Nein, von Lause aus bin ich Lehrer. Nicht nur habe ich selber 
die drei Stadien Präparandenanstalt, Seminar, zweiter Lilfslehrer einer 
Dorfschule durchgemacht, auch Vater und Großvater gehörten diesem ge 
segneten Stande an." 
„Das muß ja dann ein eigentümliches Geschick gewesen sein, das 
Sie von der Dorfschule weg nach Kalkutta führte. Verzeihen Sie, es 
ist nicht bloße Neugierde, die mich fragen läßt, ich möchte Ihnen, wenn's 
nötig ist, mit Rat und Tat beistehen, denn Landsleute müssen hübsch zu 
sammenhalten." 
Lerr Chrisostomus Eisenbarth mit dem zotteligen Laupthaar, dem 
struppigen Vollbart, blickte Justus treuherzig an, er reichte ihm die Land 
und sprach: „Ich danke Ihnen, Lerr Doktor, denn Lilfe kann ich ge 
brauchen, mir ist es in der letzten Zeit schlecht ergangen und in zwei, 
drei Tagen muß ich dieses teure Lotel verlassen. Was dann kommt, weiß 
ich nicht!"
	        

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