Full text: Tlavatli

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allein hielt sich mit Recht für berufen, allem Anheil, das der rücksichtslose 
Magier heraufbeschwören mochte, zu begegnen. 
Aus dem Salon tönte ihm das herzliche Lachen Tlavatlis entgegen, 
was mochte sie so heiter stimmen? Justus fand sie am Tische sitzen, das 
Album vor sich, neben ihr stand Zamphiropolos, eifrig die Bilder erklärend. 
„Nun Wilhelm, was machst Du denn hier? fragte er ein wenig 
unwirsch. 
Blutrot vor Verlegenheit und stotternd erwiderte er: „Das Fräulein 
rief mich herein, sie verlangte Aufklärung über mancherlei, das ihr fremd 
und unverständlich war." Er entfernte sich eilig. 
„O Iostuhs", lachte Tlavatli, und wies auf ein Hamburger Straßen 
bild im Winter, „wie sonderbar sind eure Städte, überall liegt weißer 
gefrorener Regen, auch auf den Dächern. And viele Frauen sind wie die 
Wilden mit Tierfellen bekleidet." Sie blätterte etwas zurück. „Dies hier, 
sagt mir der Hellene, ist ein Tempel, warum hat er den spitzen hohen Turm?" 
Justus küßte ihr die vor Vergnügen heiße Wange, er freute sich über 
die kindliche Lust, mit der sie all dieses Neue, Anbekannte, die ihr fremde 
Welt, entgegennahm. Dann faßte er ihre Land und sprach: „Ich war bei 
Atzlan, er ist sehr krank." 
Rasch wechselte der Ausdruck ihres eben noch so heitern Gesichts, 
tiefer Ernst, mit Abscheu gepaart, lag jetzt darauf, hastig rief sie: „Was 
will er, hat er nach mir gefragt?" 
„Das hat er allerdings! Doch sei ruhig, liebes Kind, ich traf An 
ordnungen, die es ausschließen, daß er Dich irgendwie zu belästigen im 
Stande ist. Ich hoffe übrigens, die Vernichtung des von ihm geschaffenen 
indischen Götzen, des Saljang, wird zwanglos durch Atzlans Tod zuwege 
kommen." 
„Nein, Iostuhs, das glaube ich nicht! Solche Zauberwesen, wenn 
auch ihre Erzeuger nicht mehr auf der Erde leben, können noch lange ihr 
Scheinleben fortsetzen. Das Blut der Opfer, die man ihnen bringt, fristet 
ihr Dasein immer weiter." 
„Mag's drum sein!" rief Justus, ganz wieder im Banne der Atlan- 
tierin, „ich habe Dich gefunden und damit das höchste Glück des Lebens. 
Alles andere überlasse ich einer höhern Leitung." 
Der Abend und die Nacht verlief für beide wie die vorausgegangenen 
in inniger Vereinigung, in der Erfüllung alles Sehnens und Verlangens. 
Der nächste Morgen fand die Glücklichen wieder in einsamer Fahrt 
auf dem Meer, erst nach mehreren Stunden kehrten sie zur Hammonia 
zurück. Als sie sich näherten, rief Tlavatli plötzlich: „O sieh dort, ein Schiff, 
viel größer noch als das unsrige!" 
In der Tat! von Nordost nahte ein großer Passagierdampfer, der, 
vermutlich durch das stilliegende Schiff herbeigezogen, seinen Kurs geändert 
haben mußte, denn jetzt beschrieb er einen Bogen und an seinem Mast 
liefen drei kleine bunte Flaggen empor. 
„Was bedeutet das?" fragte Tlavatli interessiert. 
„Es ist ein Signal", belehrte sie Justus, „es heißt: „Seid ihr in 
Not? Braucht ihr Hilfe?" Achte darauf, gleich wird auf unserem Schiff 
geantwortet werden."
	        

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