Full text: Tlavatli

Atzlan gegenüber gewappnet hatte, ließ plötzlich nach, nur ein dem Unter 
gang geweihtes Mädchen stand auf dem Sockel. Atzlan sprach: „Weib, 
du bist schön! und die Vermessenheit, angebetet zu werden, steht dir wohl 
an. Nun denn, i ch wenigstens will deinen Wunsch erfüllen, sei angebetet 
in alle Ewigkeit hinein!" Was weiter geschah, weiß ich nicht, ich 
verlor die Besinnung und erwachte erst hier auf Deinem Schiffe." 
Die Atlantierin hatte sich erhoben, es war, als ob trübe Schatten 
und Schleier von ihr fortzögen, hell und freudig blitzten die grüngoldigen 
Augen, mit strahlend sonnigem Lächeln schaute sie Justus an, sie reichte 
ihm beide Lände und flüsterte: „Noch bin ich unberührt, komm, führe mich 
in mein Zimmer, bete mich an, Du bist mein!" 
Engumschlungen traten beide in das angrenzende Schlafgemach, Tlavatli 
streifte blitzschnell ihr Gewand ab und schon stand sie auf einer niedern 
Truhe, sie streckte die Arme aus und flüsterte erregt: „Du, Du, bete mich 
an!" Justus schloß das bebende Weib in seine Arme, trug cs auf sein 
Lager. 
Die Nacht rückte vor, der Wind hatte sich völlig gelegt, nur leise 
noch ging die Dünung des atmenden Meeres, hell blinkten die Sterne 
vom dunkeln Nachthimmel, an Bord der Jacht herrschte tiefe Ruhe. Doch 
an Schlaf dachten viele nicht! Am Fallreep hob und senkte sich mit der 
Dünung die Zolle, Franz Noth, ihr einziger Insasse, hielt sie, damit sie 
nicht abtriebe; es war, als erwarte er noch jemand. Endlich stiegen laut 
los drei Männer das Fallreep hernieder, es waren Nielsen, Berns und 
Mühlenstedt, letzterer hielt einige Werkzeuge in der Land. Als alle in der 
Jolle Platz genommen hatten, ruderte Roth in der Richtung nach Westen 
davon. Nielsen, der das Steuer führte, mußte genau sein Ziel kennen, 
denn nach fünf bis sechs Minuten tauchte dieses, der Zylinder, rechts vor 
ihm auf. Jetzt erst fingen sie an zu sprechen, doch in sehr gedämpftem 
Ton, denn in der Nacht schallt die menschliche Stimme weit über das 
Wasser dahin. Die Absicht der Leute war, in den Tempel einzudringen, 
um endlich Gewißheit zu erlangen, ob Gold aus ihm zu holen sei. 
Mühlenstedt stieß ein häßliches Lachen aus, als er den Deckel mit 
seinem Scharnier und seinem Vorlegeschloß befühlte und, soweit es das 
Sternenlicht gestattete, besah. Licht durfte auf keinen Fall gemacht werden, 
denn war auch die Schiffswache mit ihnen im Bunde, so konnte doch leicht 
sonst jemand über Deck gehen und dann wären sie sofort verraten gewesen. 
„Werden wir das Schloß aufkriegen?" fragte Nielsen. 
„Wenn nicht, schrauben wir einfach das Scharnier los und klappen 
den Deckel nach der andern Seite auf", war Mühlenstedts Antwort. „Der 
dumme Iahn hat da richtige Lehrlingsarbeit geliefert." 
„Na," meinte Berns begütigend, „einen eisernen Geldschrank mit 
Patentverschluß hat er ja am Ende nicht hinstellen wollen." 
Alle lachten, Franz Roth sagte laut: „Mi is allens puttegol, wenn 
wi man bloß erst binnen sünd, denn Gold is do, ick häv't selbst sehn." 
„Loll Dien Snut!" rief Nielsen ärgerlich, „wullt Du denn mit Ge 
walt, dat se Di an Bord heurt?" 
Inzwischen hatte Mühlenstedt verschiedene Dietriche probiert und nach 
einigen raschen Versuchen das Schloß geöffnet, der Deckel sprang infolge 
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