Full text: Tlavatli

das Volk mit einem riesigen, hölzernen, blumengeschmückten Phallos vor 
überziehen sehen, Ekel hatte mich ergriffen, wenn ich sah, wie Männer, 
Weiber, junge Mädchen und selbst Kinder ihm zujauchzten; meine Diener 
innen hatten mir erzählt, wie diese Feste ausnahmslos mit einer Orgie, 
mit gänzlicher Erschöpfung ihrer Teilnehmer endeten. And nun war die 
heilige Staatsreligion, in der ich der Gottheit näher zu treten hoffte, der 
selbe Schmutz. — Am liebsten schwiege ich über das Weitere, ich muß 
aber alles erzählen, denn verstehen lernen sollst Du mich ganz. Als ich 
mir noch überlegte, ob es nicht das beste wäre, diesen unsaubern Ort ein 
fach zu verlassen, trat plötzlich hinter dem Götzenbild Atzlan hervor und 
zwar völlig unbekleidet. Obgleich in dem heißen Klima Rmoahalas der 
Anblick nackter Menschen ja nicht gerade ungewöhnlich war, erschrak ich 
doch ein wenig, denn höhergestellte Personen, auch die Priester, sah man 
stets bekleidet. Mit grinsender Freundlichkeit trat Atzlan auf mich zu. „Ei, 
Tlavatli," sprach er, „weshalb erschrickst Du? Sei mir gegrüßt in meinem 
Lause! Komm, lege Dein Gewand ab, dort winkt uns ein weiches Lager." 
Mächtig wallten Zorn und Trotz in mir auf. „Wage nicht, mich zu be 
rühren!" schrie ich ihn an. „Vergiß nicht, wer ich bin!" Lächelnd versetzte 
er: „Der Zorn steht dir gut! Im übrigen sind wir im Range wohl gleich, 
du bist Prinzessin und ich bin Prinz, außerdem aber, mein Kind, bin ich 
auch Oberpriester, und vorhin noch hat man dich gelehrt, mir zu gehorchen." 
„And wenn ich mich weigere?" „So wird man dich zu zwingen wissen! 
Doch, Tlavatli, warum wollen wir uns böse Worte sagen? Sieh, Kind, 
ich habe dich lieb, sehr lieb, mein höchstes Glück wäre, dich zu meiner 
Frau zu machen." „Ich aber will mit einem grausamen, blutdürstigen 
Menschen keine Gemeinschaft haben, nie, und sollte ich dabei zugrunde 
gehen!" Mir kam plötzlich der Gedanke: „Sollte Atzlan nicht meiner älteren 
Schwester ähnliche Anträge gemacht und sie, weil sie nicht darauf einging, 
rücksichtslos vernichtet haben? Meine Schwester war sanft und zart gewesen, 
ihr magisches Vermögen nur gering; ich beschloß, sie kühn gegen Atzlan 
auszuspielen, richtete mich auf und sprach langsam und deutlich: „Glaube 
indessen nicht, mich so leicht vergewaltigen zu können, wie einst meine un 
glückliche Schwester, ich zeigte dir bereits in meinem Schlafzimmer, wie 
man mit Leuten deines Schlages umzugehen hat, wie man sie abfertigen 
muß." Die Wirkung meiner Worte war überraschend, Atzlan erbleichte, 
erst kroch er, wie unter einem Peitschenhieb, zusammen, dann aber straffte 
er sich, keuchend kam es hervor: „Du bist stark, du gleichst mir! Weib, 
wie ich dich liebe, wie ich dich liebe, mein sollst du werden!" In ge 
lassenem Tone fügte er hinzu: „Drei Monde darfst du die Tempelräume 
nicht verlassen, schau dir an, mit welcher Inbrunst unser Kult geübt wird, 
lerne!" Dann stieß er zornig hervor: „Doch dich soll keiner anzutasten 
wagen, ich würde ihn zerschmettern! Die Weihen wirst du von mir emp 
fangen." Mit einem spöttischen: „Lebe wohl!" verließ er die Rotunde. — 
Für mich begann eine seltsame Zeit, ja, es war eine Zeit des Lernens, 
des Erkennens, doch nicht so, wie Atzlan es meinte. Ich wohnte oft als 
Zuschauerin den nächtlichen Orgien bei, die sie hier Religionsübung nannten, 
mich ekelten sie an. Ich sah, wie sich das Weib, die Priesterin, erniedrigte, 
entweder aus gemeiner Sinnlichkeit oder schnöden Gewinnes halber, denn 
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