Full text: Tlavatli

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dunkelblonde, kurzgehallene Vollbart, das kühn geschnittene Gesicht, die 
blitzenden grauen Augen, aus denen hohe Intelligenz sprach, verliehen dem 
im Anfang der dreißiger Jahre stehenden Mann etwas Imponierendes, 
einen Zauber, dem sich jeder willig unterordnete. Ruhig und freundlich 
sprach er mit seinen Kulis; er sagte ihnen, da sie im Tagelohn bei ihm 
ständen, müßte es ihnen gleichgültig, sogar angenehm sein, einmal einen 
Rasttag zu genießen, der ihnen gleich den Reisetagen bezahlt würde, und 
wenn sie sich am Elefantenfang beteiligt hätten, wäre das ja ihr Privat 
vergnügen gewesen, übrigens ginge es morgen in der Frühe weiter. Als 
nun Mr. Tree gar noch erklärte, ihnen für die Hilfe, die sie ihm geleistet 
hätten, mit einigen Rupien unter die Arme greifen zu wollen, zogen sie 
befriedigt ab, lebhaft auf den langen Schleswiger einredend. 
Mit den Worten: „Sie sprechen ein verteufelt gutes Bengalisch", 
füllte Mr. Tree des Doktors Glas, sich selbst bediente er mit Whisky, 
zu dem er, da kein Sodawasser mehr vorhanden war, Sekt goß, was, wie 
er meinte, auf eins heraus käme, denn viel stärker als Sodawasser wäre 
Champagner auch nicht. 
Dr. Justus Erich stieß lächelnd mit ihm an, dann bemerkte er leicht 
hin: „Ich bin ein wenig Linguist, weiß als studierter Philologe mit den 
Sprachen gut umzuspringen; übrigens habe ich mich mit den verschiedenen 
hindostanischen Mundarten eingehend beschäftigt, schon aus Interesse für 
das Sanskrit, dessen Literatur längere Zeit den Hauptzweck meiner For 
schungen bildete, bis ich durch sie mehr und mehr auf das Gebiet der 
Religionsphilosophie hingeleitet worden bin." 
„Whisky mit Champagner schmeckt wirklich ausgezeichnet, werde das 
in Kalkutta im Klub einführen", war die Entgegnung Mr. Trees, dann 
fügte er, einsehend, doch etwas mehr Interesse für die Auseinandersetzungen 
seines Gastes zeigen zu müssen, hinzu: „Ja, in den Sprachen sind die 
Deutschen uns über! Sogar Ihr Diener versteht Bengalisch." 
Justus lachte hell auf: „Da überschätzen Sie meinen braven Ies 
Jürgen denn doch! Außer Platt- und hochdeutsch — letzteres überdies 
nur mäßig — spricht er nichts, dennoch verständigt er sich überall, da er 
ein wenig die Gabe des Gedankenlesens besitzt, darin ist er selbst mir 
über." 
„Na, so etwas gibt's seit Cumberland ja gar nicht mehr, und der 
hatte seine Tricks." 
Justus blickte sinnend vor sich hin, dann sagte er: „Wer weiß? 
Jedenfalls ist mein Diener ein Anikum und für mich Globetrotter eine 
wahre Perle. Mögen wir hinkommen, wo wir wollen, sei's irgendwo in 
Europa, sei's in Amerika, Afrika oder Asien, sei's bei Feuerländern, 
hottentoten, Japanern oder Indern, in acht Tagen hat sich Ies Jürgen 
einige Dutzend Vokabeln aufgefischt, die mit Hilfe sehr ausdrucksvoller 
Gesten vollkommen zur Konversation mit den Indianern — so benennt er 
nämlich alle exotischen Völkerschaften — ausreichen. Daß er sich ver 
ständlich macht, läßt sich am Ende begreifen, daß er aber auch oft recht 
komplizierte Mitteilungen der Fremden versteht, kann ich mir nur mit einem 
unbewußten Gedankenlesen erklären. — Kein Wunder! waren doch sein 
Vater und sein Großvater sogenannte „Leichenhühner", das sind Leute, die
	        

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