Full text: Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen (3)

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eines lebhaften, witzigen und scherzhaften Volks erzählt, mit beständigen 
Anspielungen auf Sitten und Gebräuche, selbst auf alte Geschichte und 
Mythologie, deren Kenntnis bei den Italienern überhaupt ziemlich ver 
breitet ist. Darin erscheint der Gegensatz zu dem ruhigen und ein 
fachen Stil deutscher Märchen. Er ist überreich an bildlichen und 
sprichwörtlichen Redensarten und witzigen Wendungen, die ihm 
jeden Augenblick zur Hand sind und meist den Nagel auf den Kopf 
treffen; nicht selten ist auch der Ausdruck nach des Landes Art, keck, 
frei und unverhüllt und in so weit für unser Gefühl anstößig, wie 
z. B. eben jenes Märchen von der Puppe nicht gut in seiner Aus 
führlichkeit bei uns zu erzählen wäre, doch kann man ihn nicht eigent 
lich, wie den Straparola, unzüchtig nennen. Natürlich ist ihm auch 
ein gewisser Überfluß und das Ausströmen der Rede, wie z. B. in 
dem 23ten Märchen die Klage der Renza durch zwei Seiten hindurch 
geht, doch ist es bloß jene, den südlichen Völkern eigene Lust an dem 
immer neuen Ausdruck und an dem Verweilen bei dem Gegenstand, 
nickt aber Armuth in der Sache selbst, die sich zu bedecken sucht. 
Nach Liebrechts Ansicht (zuDunlop 817. 818) hat Basile darin Ra 
belais nachgeahmt. Da die Überfülle an Gleichnissen meist von 
Scherz und Witz hervorgetriebeu wird, so können die seltsamsten und 
lächerlichsten hier, ohne abgeschmackt zu sein, gebraucht werden; so 
ruft z. B. in dem 23ten Märchen der Liebhaber seiner Geliebten zu 
"Lebewohl, Protokoll aller Privilegien der Natur, Archiv aller 
Gnadenbewilligungen des Himmels, Tafel mit allen Titeln der 
Schönheit beschrieben.' Einige Ausbildung erscheint in dem 38sten; 
das 32ste ist nicht recht märchenhaft, sondern sieht eher einem Lehr 
gedicht ähnlich; das 20ste ist ein Schwank, und das 26ste Inhalt 
und Ausführung nach das schwächste. 
Eine besondere Bemerkung verdient die Ähnlichkeit, die das 
Märchen Io Dragone (4, 8) mit der Sage vom Siegfried hat. Die 
heimliche Geburt des Knaben wie der geringe Dienst bei dem Koch er 
innern an Siegfrieds Kindheit. Dann sehen wir ihn von einem 
hilfreichen Vogel unterstützt, der an jene Vögel erinnert, deren 
Sprache der nordische Sigurd versteht und von welchen er Rath er 
hält und annimmt. Die zornige Königin trift bann mit Brünhild 
zusammen, und ist zugleich der zum Kampfe mit dem Drachen an 
reizende Reigen; der Drache ist auch hier der Bruder der Königin 
und ihr Leben mit dem seinigen verbunden. Sie will geradeso mit
	        

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