Full text: Die Flucht im Automobil nach Italien und Deutschostafrika

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Hut, und im nämlichen Augenblick war die elegante Equipage auch schon 
vorbei und wert weg. 
Der kurzsichtige, sehr blasse Anton hatte Ernst augenscheinlich 
gar rricht erkannt, und die Danre hatte den Grüßenden tatsächlich für 
einen Bettler gehalten! War Ernst ja doch auch wirklich „ein armer 
Reisender!" 
Ein Almosen hatte er aber sein Lebtag nicht annehmen zu 
müssen geglaubt, und die Scham- und Zornlesröte stieg ihm dunkel 
bis in die Stirn. 
— Quer über die Aiecker kam einer gesungen, ohne Hut, sprang jüber 
Gräben und hüpfte über taunasse Schollen und hantierte wie ein Narr 
mit den Händen in der Luft, und seine halbmeterlangen Haare 
flatterten. 
Her £ebenskünstler. 
Der Hutlose kam immer näher, sodaß Ernst den Schluß seines 
Liedes deutlich vernahm: ' 
„Und wie ich die Paläste mied, 
Laß ich getrost die Liebe laufen, 
Mein einziger Reichtum ist mein Lied!" 
„Hurrah!" rief er. Ernst sah, es war Gustav Träte. „Guten Morgen, 
der noch nicht da ist!" sprach Träte und reichte Ernst die Hand. „Du 
glühst ja wie eine Georgine! Siehst du, wie gut es ist, früh aufstehn!" 
Ernst erzählte ihm, daß er gar nicht geschlafen habe. Trake erschrak 
sichtlich: „Das ist schädlicher als. Alkohol, Nikotin und Koffein zu 
sammen!" * 
Nun berichtete Ernst, wie er soeben in den Besitz des Thalers ge 
kommen. Träte schüttelte sich vor Lachen. „Glück muß der Mensch haben! 
Einen Thaler von einenr Engel, und darüber ärgerst du dich? Heb ihn 
auf, bis die Not an den Mann kommt! Es hat schon öfters Geld geregnet, 
aber die dumme Trakejkommt allemal zu spät." Und nun trutelte er vor 
sich hin: „Mein einziger Reichtum ist mein Lied." 
„Sangen Sie nicht, entgegnete Ernst, soeben: Laß ich getrost die 
Liebe laufen?" „Tu ich auch!" erwiderte Trake treuherzig „Zwi 
schen heut und gestern ist eine lange Frist. Drum prüfe, wer sich ewig 
bindet. Sie paßt doch nicht zu mir. Gestern Abend schoß mirs burcf) den 
Kopf, ich mußte sie noch sprechen wegen meines Planes. Ich will mir 
nämlich dort hinterm Wald (den Ort will ich Ihnen dann zeigen) 
eine Blockhütte bauen, einen Garten anlegen und in nacktem Urzustände 
eine germanische Edelrasse züchten. Das fand meine Braut närrisch, 
ja, irrsinnig. Da rief ich: Ein Königreich für diese Form von Irrsinn! 
Leb' wohl, du Holde, du geliebtes Wesen, der Trake geht und nimmer 
kehrt er wieder! Der Mensch ist frei geboren, ist frei!" und nun sang er: 
„O Thäler weit, o Höhen, o frischer grüner Wald!" 
Schließlich bewog er Ernst mit in die Waldungen zu kämmen, und 
schüttete über ihn eine wahre Kaskade erlesenster Zitate. Trake hatte 
schon lange während des Erzählens die Schuhe voll den strumpflosen
	        

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