Full text: Die Flucht im Automobil nach Italien und Deutschostafrika

Käthchen Ja mm brachte den» neunzehn winzigdünne Heftchen, deren 
am Äurt aufschlug und vortrug. Der Titel lautete: „Sang an den 
Trufelturm. Seinem hochverehrten Gönner, Herrn Automobilfabrikanten 
Kommerzienrat Hugo Geock in tiefster Ehrfurcht gewidmet von Johaiui 
Kaspar Albt." Als Kurt den vierseitigen Sang rezitiert hatte, rief 
Schengle: „Den himmlischen Schluß noch einmal!" Und nun deklamierte 
Fei mit kräftigstem Pathos: 
„Drum wünsch ich Dir, geliebter Turm, 
Harr aus in Schnee und Wind und Sturm! 
Dein Dach ist ja Dein Regenschirm! 
Drum wünsch ich Dir, Du wögst erleben 
Ein noch viel hundertjährig Leben! 
Hnrrah! Dn bleibest fest und firm!" 
Schengle leerte seinen zweiundzwanzigsten Krug aus die Erfüllung 
dieses Wunsches, und die andern tranken mit." 
„Ich bin doch gespannt," sagte Käthe, „wer von Ihnen den großen 
diesjährigen akademischen Malerpreis gewinnt!" — „Spätestens in einer 
Woche entscheidet sichs," antwortete Fei, und indem er Ilsen küßte, flüsterte 
er ihr zu: „Wenn ich gewinne, dann machen wir gleich unsere Hochzeits 
reise nach Italien!" 
In Kürze kam auch Kaspar Albt. Er hatte noch nicht Platz ge 
nommen, als er eifrig erzählte, .vom gegenüberliegenden Hause erklinge 
ein seltsames Musikinstrument. Ein Fenster ward geöffnet. In der 
Tat! Ueber die Straße klang es herüber in wundervollen Akkorden! 
Es ries weich wie eine Flöte, es floß süß wie eine Geige, es tönte voll 
lind läutend wie ferne Glocken. 
Plötzlich stand vorm Bärenkellersenster ein breitschultriger Mann 
in der Blüte der Dreißig, den Hut hatte er in die linke Tasche gesteckt 
llnd in der rechten saß eine große Dreipfunddüte, aus dem Haupt ragte 
ein Wald blonder Locken und rollte bis aus die Schultern. „Alle bei 
sammen?" frug er mit einer Stimme, in der Gesundheit und Heiterkeit 
verschmolzen, indem er ihnen durchs Fenster die Hand reichte. Als er 
Ernst als Gustav Trake vorgestellt war, sprach er: „Gut, daß wir Dich 
hierhaben! Nun will ich Dich schon heiter stimmen! Wanderungen! 
Hanteln! Sonnenlustwasserbäder! Pflanzenkost! Der Mensch ist, was 
er ißt!" 
„Kann die Braut vegetarisch kochen?" frug Schengle. Trake nickte, 
aber Fei rief: „Heiratest ja doch nie, Gustav!" Gustav reckte sich: „Jetzt 
sicher!" ividersprach er, „bin sestentschlossen! Sie lebt vegetarisch und 
glaubt an Seelenwandernng, was will ich mehr?! — Aber was steht 
ihr Kulturmenschen hier und schaut gen Himmel?" 
Er ward auf die eigenartige Musik aufmerksam gemacht und ries 
luui schwärmerisch: „So denk ich mir die Sphärenmusik!" 
Leise hatte ihm inzwischen Clio den Hut aus der Tasche gezogen 
und sagte: , Heute trinkst Du aber mal Kulturwasser, schüttle nicht 
Deine ambrosischen Locken! Du kriegst den Hut nicht eher zurück!" 
„Dann gute Nacht!" sagte Gustav leicht hin und war um die Ecke.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.