Full text: Kultur der Geselligkeit; Intimes Musizieren; Ausklang; Harry de Garmo in memoriam (Band 3, Teil 2)

wenn ich Wahngebilde der Phantasie Herr über mich werden Hess. Sol 
che phantastische Gaukeleien spiegeln dann zu leicht eine gleissnerische 
Welt vor ,in der man nicht mehr mit festen Füssen auf dem Erdboden steht 
und deshalb muss eine zu sehr ins Uferlose schweifende fhantasie - wie 
vorher schon angedeutet - durch allerstrengste wissenschaftliche Gedan 
kenzucht gezügelt und zurückgedämmt werden.#as war eines der Hauptziele 
die ich mir schon frühzeitig gesteckt hatte * Eine schon in frühester 
Jugend begonnene zielbewusste Beschäftigung ait allen philosophischen 
Fragen liess mich dahin gelangen .Als junger ^ensch empfand ich bereits 
instinctiv die Wichtigkeit dieser Art geistiger Selbstzucht »die air wohl 
geeignet schien ,aich Uber die Abgründe des Jaseins hinwegzuführen . 
Unbewusst befolgte ich damit nur einen ftatdea nach Biogenes ^a&rtius 
schon der griechische Philosoph Eaikur in eine» B r i e fe ,der seine ethi 
schen Grundanschauungen enthielt ,an Menoikus gab und als ich den hier 
nachstehend wiedergegebenen ^rief in reiferem Alter lös ,freute ith mich 
nicht wenig,dass ich schon vor mehr al3 zweitausend fahren einen in ähn 
licher Weise denkenden geistigen Ahnen hatte • ’ 
" Epikur entbietet dea Menoikus seinen Gruss . Niemand möge solange er 
noch jung ist ,zögern,sich der r hilosophie zu widmen »noch als Greis der 
Philosophie müde zu werden . Denn niemals ist er noch zu jung »sich die 
Gesundheit der ^eele zu erwerben »noch kann er zu alt dazu sein . Wen 
aber sagt »es sei noch nicht ^eit zu philosophieren oder die Seit sei 
schon vorüber »der könnte ebenso gut sagen »es sei noch nicht Zeit für 
ein glückliches Leben oder es sei schon zu spät dazu . Philosophie trei 
ben muss also sowohl der junge Mensch wie der alte »der er.stere »damit 
er bei zunehmenden Alter durch seine Tugenden jung bleibe in zufriedenem 
Rückblick auf die Vergangenheit »der letztere »damit er auch im Greisen- 
alter noch jung sei »weil er frei ist von der Furcht vor der Zukunft , 
Man muss also darauf denken »sich das zu verschaffen,worin das glückliche 
fi*eben besteht »wenn wir wenigstens alles besitzen sobald die Glückselig 
keit uns zu Teil geworden ist ; wenn sie uns aber fehlt »alles tun müssen, 
um sie zu erlangen . Die Ratschläge »welche ich Bir unablässig gegeben ha 
be »befolge und bedenke und sei überzeugt »dass sie die Grundlagen eines 
rechtschaffenen Lebens bilden 
Eine geistige Welt aufzubauen »die sittlichen Halt verleiht »dss Leben 
überhaupt verinnerlicht und die Furcht vor Vereinsamung im Alter wesent 
lich verringert »das schien mir ein Ziel "aufs innigste zu wünschen " 
und um diesen geistigen Lebensinhalt zu erringen »habe ich stets mutig 
gekämpft »denn De ^igjtl er Sinnesfreude und ^eigung zu fröhlicher Gesellig 
keit fehlte es mirvan einem tiefen »fast grübelnden Ernst »der mich immer 
wieder dazu führte »zur rechten "eit mich auf mich selbst zu besinnen, 
hin und wieder geradezu die Einsamkeit aufzusuchen »um-durch eigne Kraft 
zu einer Geist.eskultur zu^elangen »die einen wenigstens streckenweise 
aus der Kulturkomödie der Oberfläche heraushebt und in solchen besinn 
lichen Stunden das halten eines höheren Lebens spüren lässt • Wie ein 
Schatzgräber dr^n* ich in mein Inneres 9 denn "Im Inneren ist ein Uni 
versum auch M und wie wohl jedem eröffnetenjsich auch^mir bei dieser In— 
üenschau stets neue »mich immer wieder aufrüttelnde ^ebenstiefem .Wenig 
stens blieb mir dann doch immer die Hoffnung »aus dem zuerst unsicher 
Suchenden allmählich ein Findender zu werden »immer auch eingedenk des 
Schill er* sehen Ausspruches : 
" Es ist nicht draussen »da sucht es der Thor , 
Es ist in dir »du bringst es wewig hervor ! «*— M 
in jedem Jahrhundert wirken sich die vorherrschenden geistig eit* Strömungen 
auf die Bildung und Förderung Suchenden in irgend einer Form aus . Trotz e 
aller Fortschritte auf allen Wissensgebieten wird wohl Niemand bestreiten 
wollen »dass unser auf diese Fortschritte so überaus stolzes Jahrhundert 
geistig von dem vorigen in ausnehmender Weise befruchtet wurde »ja »in 
L dieser Hinsicht von ihm in völliger Abhängigkeit geblieben ist .
	        

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