Full text: Kultur der Geselligkeit; Intimes Musizieren; Ausklang; Harry de Garmo in memoriam (Band 3, Teil 2)

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Oberfläche des Gebens dahinzuplätsehern ,sondern die zunächst suchend 
und testend ©inen Sinnjaes pebens zu ergründen bestrebt sind • So ergriff 
such mich »it fast elementarer Macht die der Jugend eigentümliche Wiss 
begierde »die überall herumschweift »um etwas Befriedigendes und ihrer 
Natur Gemässes zu finden . Oft wurde alles Wissenschaftliche nur halb 
aufgegriffen und dann wieder fallen gelassen . Manches Mal lag gewiss 
in dieser Betriebsamkeit wenig Methode ,aber alles wurde doch mit En 
thusiasmus und wahrer Begeisterung aufgenomnen und wenn Manches auch 
unverdaut und verworren blieb »erfüllte mich bei meinem Eintritt in den 
Bebensabend mit grösster ^enugthuung doch die Feststellung ,dass ich 
mir die Liebe ,öie ich bei meinem Burst nach Erkenntnis bestimmten gei 
stigen u ebieten zuwandte , mein Leben lang bewahrte . Alle Schöpfungen 
grosser Künstler ,Denker und Dichter »die mir schon in meiner Jugend 
den grössten Anreiz boten , wurden mir zu treuen Weggenossen auch im 
späteren Leben und was ich davon in der Jugend nur ahnungsvolljaufnahm, 
das schöpfte die spätere Keife ,die aus der Verworrenheit zur Klarheit 
strebte »völlig aus . Schliesslich sucht jeder nur daä »was seiner Na 
turanlage einigermaßen gemäss ist . Die ^einige i neigte leicht dazu , 
sich in eine Welt der Träume und der Gedanken einzuspinnen . Fühlte 
ich mich auch in dieser selfcstgeschafienen Traum-und Gedankenwelt ganz 
wohl und glücklich ,so lag doch dann immer die Gefahr nahe »mich vom 
den realen Notwendigkeiten des Gebens zu sehr zu entfernen and es be 
durfte stets meiner ganzen Energie gegen diese häufigen Excursionen in 
das Ä eich der Träume und u edenkem anzukämpfen »um nicht die für die Be 
rufsausübung so notwendige Gedankenkonzentration einzubüssen • Gottlob 
verlor ich aber nie den Boden unter den Fussen und es ist mir nicht et 
wa so gegangen 7 wie dem griechischen Weisen Thaies von Milet »der »als er 
die Sterne beobachtete und zum Himmel aufblickte »in einen Brunnen fiel f 
um dann von einer witzigen und schlagfertigen Dienerin mit den Worten 
verspottet zu werden "Was im Himmel ist »das zu wissen »gibst Du Dir 
Mühe , aber was vor Dir ist »das ist Dir verborgen . n Dann und wann ge 
wannen auf der Suche nach geeigneten Mitteln zur Charakterbildung wohl 
auch, mal asketische Anwandlungen Herrschaft über mich »aber da ich nicht« 
mit Fanatismus« ergriff »erreichten sie doch nicht einen solchen Grad , 
dass mir vielleicht die Aussicht blühte »eine Art-heiliger Franciscus 
oder ein indischer Derwisch zu werden oder gar in die Fusstapfen einer 
heiligen Buphraxia zu treten »die sich einem Kloster von hundert dreis- 
sig Nonnen enschloss,die niemals ihre Füsse wuschen und bei der Nennung 
eines Bades zusaamenschauertea . Für eine solche Art der Askese war ich 
allerdings nicht organisiert . 
Um es auf die kürzeste Formel zu bringen »darf ic^h wohl sagen »dass ich 
von jeher meine geistigen Kräfte dem Wahren »Schönen und Guten gewidmet 
habe . Immer wenn mir die Serufsplichten »die ich schon um der Üebens- 
notdurft willen nie vernachlässigen durfte »Zeit liessen »flüchtete ich 
»ich gern in diese heilige Dreifaltigkeit . 
Hat man nun wie ich mit wachem Geiste oder wenigstens mit einem für Din 
ge geistiger und künstlerischer Art aufgeschlossenen Intellect mehr als 
fünf Jahrzehnte durchlaufen »dann kann man schliesslich nicht umhin »bei 
einer Rückschau sich mit dem einen oder anderen während einer so grossen 
Zeitspanne auftauchenden' oder sich aus den dauernd wechselnden geistige* 
Strömungen ergebenden K r0 bleme auseinanderzusetzen . Der Anblick aer 
Welt und des -gjebems ist nun einmal einem ewigen Wechsel unterworfen . 
Wer auch immer sich aus den Niederungen des Alltags in höhere Sphären 
zuferheben sucht »wird stets von dem Geistesgehalt der Ideen »von der 
Gedankenwelt »die in jeder Lebenslage die ^ernüter beherrschen »erfüllt 
sein . Ist man nun »wie ich es war und auch heute bis in mein höheres 
Alter geblieben hin »ein ewig Suchender »dann neigt man immer eher einer 
skeptischen U eisteshaltung zu als einem gläubigen Hinnehaen zu dogmatisch 
Verkündeter»' Lehren • Aber wie jedem Suchenden blieb auch mir das Schick 
sal nicht erspart »immer zwischen Reflexionfund Phantasie hin-una herge 
worfen zu werden • Ebensowenig entging ich nie ganz der u efahr des v r er- 
irrens, 
.! 
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