Full text: Kultur der Geselligkeit; Intimes Musizieren; Ausklang; Harry de Garmo in memoriam (Band 3, Teil 2)

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st eil erahnen . In diesen berühmten Berliner Salons fenden 
Gpthe un^ ^ie Komaritiker schneller Eingang als in manchen deut 
schen Familien, die Träger stolzer Kamen waren. Der Unterhaltung^ 
ton ener empfindsamen Seit, die Gegpri ahstheraen telbst, die Ge 
fühl n s e 1 i gk eit und die Über ochwen, rliehkeit, ja, das Schwelgen in 
erhabenen Gefühlen, alles dies würde heute kaum noch nach unserem 
Geschmack sein« Vielleicht würden wir heute mancher belächeln, 
was damals mit dem Ernste innerster Überzeugung ausgesprochen und 
empfunden wurde. Und doch ging 'es in diesen Salons manchmal nicht 
ganz gefühlvoll zu. Nicht immer schwelgte man in erhabener. Emp 
findungen. Da r und wann mag auch mal ein Zotchen erz :; h3t ’orden 
sein. Aber dass solche Entgleisungen nicht einrissen, dau r sorg 
ten die Damen des Haue es, ja, selbst ein Hohanzoilemprlna, der 
genialische Ludwig Ferdinand von Preussen, ein ständiger Gast bei 
Henriette Herz, musste, als der sonst so ritterliche und so mu 
sikalische Fürst sich einmal gehen liege und sic a auch eine Zote 
leistete, von Henriette Herz massrereln lassen, die, wie sie sag 
te , solches in ihre i kreise nicht dulden könne. Gerade Henriette 
Herz ging ganz in der Geselligkeit auf. Auf ihren weiten weisen 
hatte sie genug Vorbilder für ihren Salon gefunden» In ihrem 
Tagebuch machte besonders der Salon der gelehrten, aber alten 
und hässlichen Signora Dicnigi in Rom auf sie grossen kindruck. 
“Das Ist etwas” - so schreibt sie - tf was wir in Berlin und über 
haupt in Deutschland nicht kennen. Mit Essen und ein können ' ir 
es allenfalls erzwingen, mit Verstand und einer Öllampe wie hier 
gewiss nichtl” - Das verr t zur Genüge, dass man bei Henriette 
Herz und sicherlich auch in den anderen berliner Salons gut ge 
gessen haben wird und versteht dann vielleicht die Anziehun wa- 
kraft, die diese Salons aus eübt haben, noch besar, denn ein 
utes Mahl verschmähen auch selbst die geistig eingestellten und 
idealgesinnten Deutschen nicht. In dieser Beziehung muss auch 
Göthes Hutter keine allzu .günstigen ihrungen gemacht haben, 
wenn sie einmal in ihrer ursprünglichen Art und etwas im Zorne 
schreibt: "Den meisten meiner Landsleute ist der Bauch ihr Gott 
..... und ihre Bacchanalien zehen der Lun ev/eiie sp ähnlich wie 
ein Tropfen T/asser^ dem an deren”. 
Erst in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stirbt all 
mählich der traditionelle Salon in Berlin unu in übrigen Deutsch 
land aus. Lebensstil und Lebensformen ändern sich. Die Yereins- 
geselli. keit, das Klubleben, die Zusammenkünfte in behaglich ein 
gerichteten Gasthäusern und die Öffentlichkeit gewinnt immer mehr 
an Boden. Die Männer pflegen sich an Stammtischen zur Tafelrunde 
und Diskussion zu versammeln, die Damen finden sich in Ta fee- 
und Teegesellschaften zusammen und aus dem gesellschaftlichen Le 
ben verschwindet allmählich der eigentlich literarische Salon als 
massgebender Faktor. Doch, überall da, wo bei hervorragenden Per 
sönlichkeiten - seien es Männer oder Frauen - das Bedürfnis nach 
einer durch Kunst und anregendes Gespräch veredelten Geselligkeit 
überhaupt nach schöngeistiger Unterhaltung vorhanden ist, wo ein 
betontes Verlangen rach der Pflege guter Ilaüs- und J ajmnermuoik be 
steht, fanden sich immer wieder Kreise, aus denen Salons her- 
auöWuchsen, die denen .der outen .alten Zeit nicht nächster den. 
licht immer ist dafür Wohlstand unbedingte Voraussetzun ;. In 
inem grossen, aber niedriger] Mansardenzimmer war es, wo der Ber 
liner Kunstgelehrte Franz Kogler in einem, von seiner l'rau Klara 
geleiteten Salon einen ganzen Sehwarm aufstrebender junger Leute 
um sich vereinigte. Dort traf man in ihren Sturm- und Drangjahren
	        

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