Full text: Kultur der Geselligkeit; Intimes Musizieren; Ausklang; Harry de Garmo in memoriam (Band 3, Teil 2)

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9wehezimmer' wurde in der Romantiker- und Biedermeierzeit der be 
rühmte Treffpunkt von lä’nrtern des Romaniitbrkreises, wie z.?. u.A,. 
Gents, Friedrich von Echlegel, Ada t Müller, Zacharias ferner, 
Clemens Maria Hofbauer, die ja meist augewandert waren, rach Her 
kunft, Gesinnung -und Kultur eint Patrizierlr verlerurneto Caroline 
Pichler nicht die charakteristischen Eigenschaften einer Urwienerin, 
Nicht nur durch ihren beweglichen Geist, sondern auch durah ihre 
Herzensgute•wie ihren angeborener Charme zog sie ihre Gaste an,und 
hielt ihr Salon auch keinen'Vergleich mit den berühmten Berliner 
Zirkeln aus, so war er diesen wohl an käme und Intimität überle- 
Die alt gewordene Caroline Pichler erlebte auch noch den Nieder 
gang d©3 Wiener Salons. In ihren hinterlassenen Aufzeichnungen hat 
sie ihren darauf hinzielenden Beobachtungen Ausdruck verliehen, 
die eine gewisse Melancholie atmen und geradezu wie ein Epitaph auf 
ö Hl 
einstige Blüte der Vtener Salons wirken. 
den 
Sie hatte nämlich die Beobachtung gemacht, dass ganz entgegen 
früheren Gewohnheiten der Geselligkeit in dien jetzt die Innrer 
und besonders die hoher gebildeten alle gemischten Gesellschaften 
flohen. "Es ist" - wie sie sagt - n als litten sie alle an der 
Salonscheue wie an einer geistigen Wasserscheue. Auch suchen sie 
die Einwirkung der Salons auf die Geister als etwas Verfluchendes 
und Erschlaffendes darzustellen und wohl mag las, was man jetzt 
Salonleben nennt, solche Wirkung hervorbringen.- Ich besuche die 
Salons seit Jahren nicht mehr: früher aber wirkten die Gesellschaf 
ten, die Soireen hi er und auch in Paris nicht so, nicht erschlaf 
fend, nicht abspannend. Gebildete Brauen, geistreiche und gelehrte 
Männer, vielgereiste Fremde, Künstler U3W. versammelten sich in 
denselben, In lebhaften Gesprächen über interessante Gegenstände 
berührten 'sich die Geister, V/i tz funken sprühten, energische oder 
eigentümliche Ansichten wurden geäussert, fanden Teilnahme oder 
Widerspruch. Es war ein lebendiges Aufeinahderwirken der Geister, 
das oft Gedanken entwickelte oder Gesichtspunkte aufsteilte, 
weiche neu und merkwürdig erschienen, Gedickte wurden gelesen, 
die neuest en Erscheinungen in d er Literatur besprochen, Kunstwerke 
vorgezeigt, zuweilen Musik gemacht. Sc waren die Aberidunterhaltunf* . 
gen in den zwanziger und dreissiger Jahren in 'ion und so mussten 
sie nach dem,, was or unter anderem durch Madame de Stael wie 
durch ihre Zeitgenossen wissen, nur vielleicht in grösserem Stile 
in Paris gewesen sein"... 
Eine geistige Geselligkeit hohen Banges konnte mar, übrigens auch 
in den berliner Salons geistvoller Frauen bei Dorothea Veit, 
&*or rxette Herz, bei der Rahel Levin, der späteren Frau von 
Varnhagen, finden. Hier trafen sich Prinzen, Kdelleute, Diploma 
ten, Künstler, Dichter mit Schauspielern und Schauspielerinnen, 
denen sonst der Eingang in vornehme Bürgerhäuser oder aristokrati 
sche Familien infolge gesellschaftlicher* Vorurteile jener Beit 
versagt blieb. Hier umfing eie sich zwanglos gebenden Gäste der 
Zauber geistvoller Unterhaltung, bar auch hier nicht wie in Kien 
die Musik die Dominante in der Unterhaltung, so wurde sie doch 
nicht vernachlässigt. Jene Frauen hätten das ernste Stroben, die 
Bildung und Kunst der bedeutenden Männer ihrer Zeit, die sie auch 
stets bei sich sahen, sich zu eigen zu machen. Mit ihnen verband 
sie der Wunsch, tiefste philosophische und .ästhetische Fragen zu 
besprechen. An ihren Arbeiten nahmen sie beratenden und tätigen 
Anteil. Schliesslich bestätigter, sie sic*, uch selbst als Scnrift-
	        

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