Full text: Streiflichter auf das wirtschaftliche, geistige und gesellige Leben Kassels (Band 2)

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Ethos des Wirkens der beiden Bruder bekommen als in den Worten ,denen 
Jacob Grimm unter dem Titel M Von eigener Arbeit n Ausdruck verliehen 
ha t; 
.Alle meine Arbeiten wandten sich auf das Vaterland ,von dessen 
Boden sie auch ihre Kraft entnehmen;mir schwebte bewusst und unbe 
wusst for ,dass es uns am sichersten führe und leite ,dass wir ihm 
zuerst verpflichtet äeien. Und alle meine Arbeiten haben sich dabei 
wohl befundenoder sind bielmehr nur daran erstarkt »dass ich ein frü 
her unscheinböres und übersehenes vaterländisches Element hervorzuhe 
ben und zu festigen beflissen gewesen bin. Mögen auch diese Studien 
manchem unergiebig geschienen haben und noch scheinen; mir sind sie 
jederzeit vorgekommen,als eine würdige ernste Aufgabe ,die sich be 
stimmt und fest auf unser gemeinsames Vaterland bezieht und die Liebe 
zu ihm nährt . Weil ich lernte ,dass seine Sprache ,sein Recht und 
sein Altertum Viel zu niedrig gestellt waren ,wollte ich das Vater 
land erheben . Vielleicht werden meine Bücher in einer stillen frohen 
Zeit ,die auch wiederkehren wird ,mehr vermögen; sie sollten aber schoi 
der Gegenwart gehören ,die ich mir nicht mehr denken kann,ohne dass 
unsere Vergangenheit auf sie zurückstrahlte und an der Zukunft jede 
Zurücksetzung der Vorzeit rächen würde . 
Heute in einer geit der nationalen Wiederbesinnung gewinnen diese Wor 
te eines unerschütterlichen Glaubens an das grosse »damals noch inner 
lich zerissene Vaterland eine aktuelle Bedeutung . Muss es dp nicht 
geradezu paradox anmuten »ja »fast wie ein Treppenwitz der Weltgeschici 
te erscheinen ,dass es nicht ein Fürst deutsche© Blutes war , der ih 
nen ein sorgloses Lasein für ihre Studien sicherte . Ausgerechnet muß 
te Jeröme sein ,der König von Wetsfalen ,der tes nicht einmal für nötig 
fand ,die deutsche Sprache zu erlernenund deutschenSfcfteistes kaum ei- 
ndn Hauch verspürt hatte ,der d acob Grimmmit einem ^ahresgehalt von 
1ooo Thaler zu seinem Privatbibliothekar ernannte und später als Audi 
teur in den Staatsrat berief ,während unter seinem Landesvater ,dem 
Kurfürsten Wilhelm I* ,er als einfacher Akzessist beim Kriegskolle 
gium ganze hundert xhaler jährlich bezog . In den sieben Jahren fran 
zösischer Herrschaft ,also in der Zeit grösster Erniedrigung unseres 
Vaterlandes legten die beiden Brüder den Grund zu ihren mannigfaltigen 
germanistischen Arbeiten ,öie sie während dieser ^eit in völligster 
Sorglosigkeit durchführen konnten .Wer je die Brüder Grimm ,die nach 
einem Ausspruche Richard Wagner!s den edelsten Typus der deutschen Ge 
lehrten darstellten ,aus ihren Briefen kennen zu lernen versucht »wird 
für ihre ganze Wesensart die grösste Sympathie empfinden . Aus jeder 
Zeile werden ihm die Bescheidenheit »Lauterkeit und Schlichtheit Öh 
res Charakters entgegfenleuchien,Eigenschaften »die ihnen von allen 
Zeitgenossen nachgesagt wurden , Ganz ihrer Sammler-und Forschertätig- 
keitan der Kasseler Bibliothek hingegeben »war es ihnenhiemals um den 
äusseren Erfolg zu tun . An aieer^ten ^eiten ihrer Gelehrtentätigkeit 
in Kassel »während welcher sie die Germanistik als selbständiges Fach 
begründeten »lachten 3ie.stets mit eingra wehmütigen Gefühle . ...” Es 
waren die glücklichsten ^ahre unseres Lebens - so sagte ^acob Grimm 
in der bereits zitierten Gedächtnisrede »eines altdeutschen Lichters 
Sprache nschempfindend - in solcher Ruhe ergrünte unser u erz »wie auf 
einer Aue . Je nach ihrer Begabung und ihrem Temperament hielten sie 
in ihrer gemeinsamen Arbeit eine ganz bestimmte Arbeitsteilung ein. 
Sicherlich war Jacob Grimm die wissenschaftlichere »willenstärkere und 
zielbewusstere Natur . Gewissenhaft durchfprshhte er »was sie gemein 
sam an Märchen »Mythen und Sagen gesammelt hätten • Las milde und zar 
te Wesen seines Bruders Wilhelm »ja , dessen versonnene Natur war wie 
der ganz dazu angethan »bei der Abfassung der gesammelten Märchen 
diesen jene Form zu gbben , die ihnen das deutsche Kinderherz eroberte 
Im Jahre 1812 erschien bei -Reimer , Berlin als bescheidener Oktavband 
ders erste Band " Kinder und Hausmärchen ” »während der zweite Band 
im Jahre 1814 herauskara . Auf literarischen Gebiete wohl eines der 
schönsten Lenkmäler deutscher Romantik wird es wohl immer eine Merk-
	        

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