Full text: Meine Kasseler Zeit (Band 1)

- wie es der einzigartige Wilhelmshöher Hochwaldpark ist - gehängt 
hat , will ich mich nun wieder hinüberretten in den Zauber unverküne 
stelter ^atur . Schuf das Schönheitsideal schöpferischer genschen 
des ivarockzeitalters , in das man sich schon hineinfühlen muss, um 
es auch nachtuerleben , die grandiose Berg.urid Gartenarchitectur ,di< 
heute noch immer bewundert wird , so hinterliess auch der romantische 
Geist des ausgehenden 18ten Jahrhunderts so deutliche Spuren in der 
ganzen Parkgestaltung , dass gerade in der sinnigen Verschmelzung 
des barocken und romantischen Geistes der Hauptreiz des einst in den 
Hochwald hineingedichteten Kunstgartens liegt , durch den der Wilhelu 
höher Park so anziehend gemacht wird .-Wie eindrucksvoll auch das gar 
ze architectonische Beiwerk in der Sestaltung des üandschaftbildes 
in der ersten Z e it auf mich ,wie sicherlich auch auf andere gewirkt 
hat , so verlieren doch diese,,Kunstbauten , wennii.hr Kuriositätswert 
erschöpft ist , im Laufe der Jahre bei vielen erheblich an Wirkung . 
Unerschöpflich in ihrer Wirkung bleibt aber die in jedem Jahre in 
ihrer Prwcht und Schönheit sich wieder erneuernde ^atur ♦ Interessant 
ist wie der ae^sthetishhhochentwickelte Sinn eines so klassisch ‘em 
pfindenden Menschen, wie es Goethe war , an der Verpflanzung der dem 
italienischen Renaissancezeitalter entliehenen Architectur in die 
ganz anders geartete deutsche Hochwaldlandschaft Anstoss genommen hat, 
Als er , der Ruinenschwärmer , die altrömische Wasserleitung in Spo- 
leto besteigt ,da wird er auf einmal gegenüber Nachahmungen - wie sie 
inseiner Erinnerung auftauchen - recht kritisch . In seiner " Italie 
nischen Reise M und zwar inseinem Briefe vom 27.X.1786 gibt er die 
ser kritischen Einstellung unverhohlen Ausdruck ,Spoleto hab ich 
bestiegen und zwar auf der Wasserleitung , die zugleich ^rücke von 
einem Lerg zu einem anderen ist . Die zehn gogen , welche über das 
Thal reichen , stehen von -Backsteinen ihre Jahrhunderte so ruhig da 
und das Wasser quillt immer noch in Spoleto "an allen Orten und Enden,* 1 
Das ist nun das dritte Werk der Alten , das ich sehe und immer dersel 
be grosse Sinn . Eine zweite Natur,die zu bürgerlichen Zwecken handelt 
das ist ihre Jaukunst : So steht das Amphitheater , der Tempel ,der 
Aquaeduct. Nim fühle ich erst , wie mir mit ^echt alle Willkürlichkei 
ten verhasst waren , wie z . B. der Winterka sten auf 
dem WeisseBsteln . Ein Nichts um Nichts , ein ungeheurer Konfectauf- 
satz und so mit tausend anderen Dingen . Da steht nun alles totgeborer 
da, denn was nicht eine wahre innere Existenz hat ,hat kein ^eben und 
kann nicht gross sein und nicht gross werden ” Der Winterkaster 
auf dem Weissenstein war aber nichts Anderes als das Octägon mit dem 
Herkules in Wilhelmshöhe . Wer natürlich mit Goethe’s klassicistisch 
gerichteten! Stilempfinden die Anlagen , wie sie sich zu seiner Z e it 
ausgenommen haben mögen , betrachtete , mag immerhin zu einem solchen 
3ubjectiv durchaus verständlichen Urteile gelangen . Jedenfalls 
man in Goethe , auf dessen Urteil auch die heutige Generation noch 
immer grossen Wert legt , nicht einen unbedingten Bewunderer der Berg 
architectur * wie sich damals in dem kaum angepflanzten Parke darbot," 
zu suchen • Heute,wo dieselbe nach fast zwei Jahrhunderten in dem 
prächtig angewachsenen Parke nicht mehr als Dominante wirkt , sondern 
ihr nur hier und da in weniger auffallender Form ei# schmückender, 
die Landschaft oft belebender Characbter innewohnt,würde vielleicht 
auch Goethe sein Erteil revidieren und die Stilwidrigkeit weniger em 
pfinden • Tatsächlich waren auch die unmittelbaren Eindrücke,die der 
grosse Dichter bei seinem vierten und letzten Besuche ip. Wilhelmshö 
he hatte , sehr verschieden von der obenangeduuteten kunstkritischen 
Betrachtung , die das Schöne , wenn es nicht praktisch ist , als 
spielerisch und unnütz verwirft . Selbst der/welcher unverfälschte 
w atur sucht und liebt , kann die Kunstbauten auch bei dem heute völ 
lig veränderten Geschmacke niemals als störend empfinden . Aber nicht 
send es diese Kunstbauten , mit denen sich meine dauernd lebendige 
Erinnerung an die Wilhelmshöher Spaziergänge verknüpft, Dieses Hoch- 
waldparkpsradj.es verbirgt soviel
	        

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