Full text: Meine Kasseler Zeit (Band 1)

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für die Kasseler die Anziehungskraft des Parkes immer gleich stark 
gewesenes ein mag , das ist schwierig festzustellen . Wie es um das 
Jahr 178o unter Landgraf Friedrich II. gewesen ist , darüber habe i< 
eine recht anschauliche Schilderung bei dem von mir schon mehrfach 
erwähnten Gewährsmann aus dem Jahre 178o gefunden und diese Schilde 
rung mag typisch sein für die zweite Hälfte des 18ten Jahrhunderts : 
M In gewissen Tagen des Jahres aber , als am HimmelfahrtsTag f 
dem dritten Pfingst- Tag und die Sonntage während der Herbstmesse 
wird dieses Wasserwerk allemal angelassen . Kann sich alsdann ein je 
weder dahin begeben , Liese x age sind immer Freudenfeste für Cassel 
und für die ganze umliegende'Segend * vorzüglich aber eine Zusammen 
kunft unzähliger ^enschen von"aller Gattung und Ständen . Per ganze 
Weg , alle Wirths - und Brandwein- Hauser so hin und wieder seitwärt 
an diesem Berg hinaufstehen , sind mit A<I enschen und Musik angefüllt , 
^eine Kutsche , keine Reitpferde bleiben müssig und Miethpferde sind 
sehr schwer zu bekommen . Alles ist bestellt , alles eilt , Pracht 
und Kunst und zugleich:«. soviel Menschen versammelt zu sehen und eben 
dadurch vermehrt deren Anzahl.ein Jeder noch mehr . Weit über hundei 
von denen Göttigenschen Herrn. Studenten eilten auf ihren Philisters 
Pferden jugendlich herbey und überzogen des Abends das Comödienhaus 
wie die Staaren , die im herbstlichen Zug den ausgesuchten Baum be 
decken , doch ohne allen Lärmen, ohne die geringste Unordnung »son 
dern mit allem lobenswürdigen Anstand " 
In der Kurfürstenzeit »also in der ersten Hälfte des 19 ten ^ahrhun^ 
derts gab es häufig zwischen Fürst und Volk arge Verstimmungen , die 
auch wohl- den Besuch von Wilhelmshöhe ungünstig beeinflusst haben 
mögen . An den Kurfjirsten gelangte z. B. im Jahre 1823 ein Drohbrief> 
in dessen Folge sehr strenge militärische und polizeiliche Maßregeln 
getroffen wurden »Jenen sich weder die Kasseler noch die Fremden un 
terwerfen wollten . Zu jener Zeit also war der Besuch »mit Ausnahme 
des traditionellen zweiten Pflngstta^es und des Himmelfahrttages seh 
beschränkt und da dies im Laufe der ^ahre dem Kurfürsten doch auffie! 
und er den Grund in der allerdings sehr mangelhaften Fahrgelegenheit 
zu finden glaubte , besann er sich auf seine landesväterlich,en Pflicl 
ten und erliess an die Polizei den äefeh}., an Sonntagen und Feierta- ‘ 
gen Wagen zur Beförderung zu einem ganz billigen Fahrpreis bereitzu 
stellen . Liese Maßnahme des Kurfürsten versöhnte die arg verstimm 
te Kasseler Bürgerschaft wieder einigermaßen und sie machte von die 
ser Fahrgelegenheit »die die Hinauffahrt zum Schlosse für 5 Silbergrc 
sehen pro Person ermöglichte , mehrere Jahre hindurch reichlichen 
U ebrauch . Nachdem dann in späteren Jahrzehnten durch Lampfeisenbahn 
und Electrische Bahnen bequeme und verhältnismässig billige Beförde- 
rungsmöglichkeiten geschaffen worden waren , wurde Wilhelmshöhe - wie 
schon vorher angedeutet - der sonn- und feiertägliche Wallfahrtsort 
der gesamten Kassler Bevölkerung und nicht minder der aus näherer 
und weiterer Umgebung herbeiströmenden Fremden »die v/phl Kassel in 
immer grösserer Zahl , hauptsächlichfwegen der Wilhelmshöhe und deren 
Wasserkünste aufsuchten * 
Und so ist es bis auf den heutigen '‘’ag geblieben. Man wird die Gross 
städte in Deutschland suchen dürfen', die in unmittelbarer Nähe ein 
solch* entzückendes Wald -und Parkparadies in frischer nervenkräfti- 
ger Gebirgsluft der erholungsbedürftigen Bevölkerung zu bieten ver 
mögen »wie es Wilhelmshöhe und die Habichtswalder Höhen sind und dass 
die an sich wanderlustigen Kasseler zu allen Jahreszeiten an Sonn- 
und Feiertagen die elysäischen Gefilde in Wilhelmshöhe bevölkern »ist 
nur zu leicht begreiflich , aber selbst auf die Gefahr hin > das Miß 
fallen der Kasseler zu erregen , kann ich bei ihrer sicherlich un 
bestrittenen ftaturliebe nicht ganz verschweigen dass nicht nur das 
edle und ideelle Motiv , sich an der schönen Natur zu erfreuen , Arm 
und ^eich , Jung und Alt an Sonn- und Feiertagen nach Wilhelmshöhe
	        

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