Full text: Meine Kasseler Zeit (Band 1)

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treten seines Adjutanten von Bothmer , der ihm den Degen entriss,vei- 
hütete Schlimmeres . Der Kurprinz wurde auf ein Gut flir einige Zeit 
in die Verbannung geschickt ,lebte dann aber von^einer Gattin getrenni 
und suchte Zerstreuung bei seiner Maitresse und Geliebten , der Berli 
ner Goldschmiedstochter Emilie Ortlöpp , die er mit nach Kassel genom 
men hatte und die er sofort naehseinem Regierungsantritt zur Gräfin 
Reichenbach erhob . Nachdem im Jahre 1821 erfolgten Tode des Kurfürste 
Wilhelm I. setzte die Bevölkerung auf seinen Nachfolger Wilhelm II* ‘ I 
manche Hoffnungen , denn seiner Naturanlage nach war letzterer gutmü 
tig , auch nicht eo geizig als sein v ater und fortschrittlicher ge- 
sinnt.Aber diese Hoffnungen sollten bald enttäuscht werden . Der Ma 
ler Ludwig Emil Grimm schreibt in seinen Erinnerungen : ...” So kam 
das Jahr 1821 . Da starb der alte Kurfürst . An dem Morgen »nachdem, 
der Kurfürst gestorben war »zog die Madame Ortlepp » nackherige Grafir 
Reichenbach »mit Sack und Pack in sein Palais ein. Ich wusste nicht , 
was ich dazu sagen sollte und habe mich inerlich darüber geschämt 0 ”, 
Sie wohnte nämlich dem Polais gerade gegenüber Friedrichsplatz 6 und 
der Umzug geschah vor den Augen der auf dem Friedrichsplatz versammel 
ten Truppen und einer grossen Menschenmenge * Solche Scham— una Würde 
losigkeiten erweckten natürlich bei der Bevölkerung wenig Sympathien 
für den neuen Lande sherrB. und so ist auch das Verhältnis zwischen 
Fürst und Volk während seiner ganzen Regierungszeit sehr getrübt ge 
wesen . Wie sich die Favoritin seines Vaters die Gräfin von Hessen 
stein von jeder Einmischung in politische Dinge mit peinlichster Dis 
kretion fernhselt »war die Gräfin Reichenbach eine ausgesprochene po 
litische Intrigantin »der man einen unheilvollen Einfluss auf den 
Kurfürsten zuschrieb . Den Hass »den ihr die Bevölkerung entgegenbraej: 
te verdiente sie vollauf • Der Aufsehen erregende Drohbrief » den der 
Kurfürst im ^shre 1823 in Nenndorf , wo er sich zur Kur aufhielt,em 
pfing , erhellt die Situation besser als jede umständliche Darstel 
lung der damaligen Zustände . Er hatte »folgenden Wortlaut : 
Kurfürst! 
Das Maß Deiner Greuel ist voll bis zum Rande ! Hundert Jünglinge ei 
nes Sinnes und eines Rerzens haben sich auf Leben und Tod vereinigt z' 
Deinem Untergänge zur Befreiung ihrer leidenden Brüder von Deiner Tj/sp 
rannei • Von heute binnen Jahresfrist wirst Du unfehlbar das Opfer un 
serer gerechten Rache »wenn Du nicht folgende Bedingungen »nur Dir zu 
zur Warnungmitgeteilt , schleunig und pünktlich erfüllst: 
1) Du gibst Deinem Volke ,dessen Fürst Bu durch die Macht verjährter 
Gewohnheit »nicht durch seinen Willen bist durch die klügsten und 
bestenDBiner Räthe eine rechtmäßige vollgültige Verfassung so wie 
es ihrem Worte in der deutschen Bundesakte vom 8 Juni 1815 gemäss 
schon mehrere deutsche Fürsten takten ,damit wir »die wir vor zehn 
Jahren Deines Vaters Deine und unsere Freiheiten zu erkaufen^wil 
lig waren »nicht länger Spielwerke Deiner zügellosen Saune sind . 
2) Du erlaubst von nun an Deiner Hure nicht mehr den allermindesten 
Einfluss auf die Regierungsgeschäfte . Folgst Du dieser Bedingung 
nicht , so ist auefe^ihr Leben unfehlbar verwirkt . 
3) Du zorniger Unhold ,unnatürlicher versoffener ffienschenfeind ! Prü 
gelst niemals mehr mit eigner Hand einen Deiner Untergebenen ! 
Handelst Lu nach diesen Bedingumgen und besserst Dich »dann wirst 
Du glücklich seyn mit Deinem treuen Volke .Aber hoffe nicht und 
durch Ausflüchte zu entgehen »die Folge steht jetzt noch in Deine: 
n and. Sie wird schrecklich sein ,wenn Du der bleibst »der Du bis 
her gewesen . ^ 
Geschrieben am Na&restage der Befreiungsschlacht bei ßelle-Allia: 
ce. Freimu v th 
im Namen des Rächerbundes 
Die in dem Drohbrief über den Kurfürsten gegebene Charakteristik war 
für ihn nichts weniger als schmeichelhaft .Trotzdem muss sie wohl in
	        

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