Full text: Meine Kasseler Zeit (Band 1)

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Indes der Ursurpator Jdrome wusste sich in Scene zu setzen und für 
seine neue königliche Würde auch den äusseren prunkvollen Rahmen zu 
schaffen . Schon als er mit seiner Gattin undiseinem Gefolge von Wil- 
helmshöhe kommend , wo er von glänzendem Hofstaate umgeben und voh ei 
ner ^egion polnischer Lanciere begleitet zuerst abgestiegen war »am 
1o oder 11 December 18o6 in seine neue Resident einzog »entfaltete er 
einen bis dahin in Kassel ungewohnten Glanz und Prunk . Solche fürst 
lichen Aufzüge rollen fast immer in ähnlicher Form ab. Dem Inhaber der 
äusseren Gewalt und Macht rufen die Volksmassen zuerst ''Hosianna” zu, 
dem zu leicht bei einer Schicksalswende das " Crucifige ” folgen kann. 
So zog auch Jdrörae unter den Vivatrufen der Menge ein . Behörden und 
Reputationen der Bürger hiessen ihn in feierlicher Rede willkommen und 
auch die weisgekleidten »Blumen überreichenden und Gedichte aufsagenden 
Jungfrauen fehlten natürlich nicht . Und fast das gleiche Bild wieder 
sieben Jahre später , als der vertriebene Kurfürst nach Kassel zurück 
kehrte . 
In Dingelstedt *s Romanfragraent "Sieben Jajire ” , das in seinem interes 
santesten Teile zum ersten Male von Friedr. Oetker im Unterhaltungs 
blatt zur Neuen Hessischen Zeitungim Jahre 1849 veröffentlicht wurde 
und dessen xl andlung in Hessen »besonders in Kassel zur Zeit des Königs 
JdrÖme spielt ist der Einzug des Königspaares in Kassel recht anschau 
lich - und wie der Dichter selbst sagt - so geschildert , wie er in 
der damaligen Leitung "Moniteur de Westphalie " beschrieben wurde . 
Diesem Berichte , der mit aller Wahrscheinlichkemtjdera tatsächlichen Ge 
schehen sehr nahekam »folge ich »um auch meinen Lesern diese Episode 
aus dem ephemerem Königtum in einem Nacherlebnis näher zubringen . 
" Die blasse Sonne stand beinahe in ihrem Zenith , als fünfzig Kanonen 
schüsse , das Geschmetter von vierundzwanzig Posthörnern , einfallendes 
Geläut von allen Türmen , Trommelwirbel , ^rompetens tösse , verwirrte 
Kommandorufe »dröhnende Hufschläge und die unaufhaltsam heranbrausende 
Flut der ^enschenwege das ^ahen des Zuges verkündete : Fünfzig Lanciers 
mit flatternden Fähnlein , auf schweisstriefenden Rossen und dann zwei 
Sechsspänner, darin die provisorischen Minister - dann die Schützengar 
de - dann endlose Vivats , geschwenkte Tücher ,auffliegende Hüte und 
Mützen - Präsentiert *s Gewehr »Prdsentez les armes - die Fahnen senken 
sich , das Spiel wird gerührt — 
Der .König ! 
Die Königin ! 
Ein mit Vergoldung und Zierrat überladener Prachtwagen »mit acht Pfer 
den bespannt »drum herum und dicht dahinter zahllose Generalodjudanten 
und OberhofChargen »starrend von kriegerischem Schmucke und adeliger 
Fracht , die roten Uniformen der Nobelgarde und dann in endlosem Zuge 
die berittenen Kasseler Bürger , eine Reihe sechsspänniger Hofwagen mit 
Damen der Königin , Lanzenreiter und -"Volk" 
^as Volk wie überall »sogar auf allen Komödienzetteln »hübsch zuletzt- 
Aber der König ? Aber die Königin ? Durch das Spalier von Kriegern und 
Bürgern , durch die kaum handbreiten »obendrein hinaufgezogenen Glas 
fenster der Staatskarosse , durch den raschen Schritt,worin sie dahin 
rauschte »blieb die irdische Majestät auch hier , auch jetzt noch dem 
gewöhnlichen Staube , so gut wie unsichtbar. Im Fluge gesehen und ver 
schwunden . Ein feines kleines Profil 9 c ±n glattes »glänzend schwar 
zes Haar , ein weisser Handschuh nebst gesticktem Uniforraaufschlag »der 
nach links und rechts winkte , das war der König . 
Ein frisches rosiges fyeaicht » ein hochblonde Locke und ebenfalls ein 
wiesser Handschuh »ebenfalls nach allen Seiten grüssend »kaum kleiner 
als die erste , andere - das war die Königin."...,... 
Das Kasseler Strassenlehen erhielt ein völlig verändertes Ansehen »denn 
nach Kassel waren eine Menge fremder Menschen , neues Militär ,prachtvol 
le Equipagen gekommen.Die vielen leichtlebigen Franzosen brachten in die 
stille Stadt eine früher nie gekannte -Gebendigkeit . Alles war ste$s in 
ständiger ^Bewegung . Zudem liebte das junge Königspaar dauernde Verän 
derung und so reihte sich Aufzug an Aufzug • Morgens fand Barade des 
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