Full text: Leipziger Königstage

1909, mitten in der Zeit der großen Erfüllungen, über 
raschte Ludwig Hupfeid die Mitwelt durch die „Phonoliszt- 
Violina“. Es ist ja allbekannt, daß der durch die Regungen 
der Menschenseele beschwingte Geigenton erst gebildet werden 
muß. Der Musiker findet den Ton nicht fertig vor wie etwa 
beim Klavier, wo man lediglich die Taste, wenn auch mit 
entsprechenden Anschlagsmodifikationen, zu berühren braucht. 
Schon die rein technischen Schwierigkeiten bei Herstellung 
einer selbstspielenden Geige erschienen unüberwindlich. Man 
denke nur an die Stimmhaltung oder an die charakteristische 
Eigenart des Bogenstrichs. Aber gerade die enormen Hemm 
nisse reizten die schöpferische Intelligenz. Ludwig Hupfeid 
wendet wirkliche Geigen an, die durch einen aus 1300 Roß 
haaren knotenlos gesponnenen Kreisbogen zum Erklingen ge 
bracht werden, und zwar unter Einhaltung wohlberechneter 
dynamischer Grade. Das der Begleitung dienende Klavier 
kann bei Ausschaltung der Yiolina auch für sich allein spielen. 
Alle diese durch über 100 Patente und Schutzrechte ge 
sicherten Kunstwerke, die noch vor wenigen Jahren als uner 
reichbare märchenhafte Gebilde angesehen worden wären, 
sollten nun durch ihre Ausdrucksgewalt auf unbegrenzte Hörer 
scharen wirken. Zu diesem Zwecke opferte das Haus Hup- 
feld große Summen für Einrichtung eigener Pavillons oder 
Vortragssäle in Ausstellungen, wo Millionen von Menschen dem 
Zauber edelsten Kunstgenusses sich liingaben, so in Brüssel 
zur Weltausstellung, in Leipzig auf der Internationalen Bau 
fach-Ausstellung usw. 
Bei dieser Gelegenheit mag eingefügt sein, daß die Phan 
tasie Otto Tetzner’s jene Bezeichnungen der Fabrikate prägte, 
die heutzutage in Verbindung mit den Namen Hupfeid in aller 
Munde sind. Als 1904 das Unternehmen in eine Aktiengesell 
schaft umgewandelt wurde, trat der bisherige Prokurist als 
Direktor an die Seite des nunmehrigen Generaldirektors Lud 
wig Hupfeid. Auch auf die Gründung und innere Anlage der 
Filialen des Hauses in verschiedenen Städten übte Direktor 
Tetzner weitgehende Geschmackseinwirkung. Sein Interesse 
für vornehme raumkünstlerische Gestaltung konnte er nach 
Herzenslust betätigen bei vorbildlich gediegener Ausstattung 
von Empfangsräumen, Magazinen und Vortragssälen. Mit ihren 
wohlabgewogenen, gedämpften Farbenakkorden löst sie in dem 
eintretenden Gaste jene wohlige Stimmung aus, die für den 
würdigen Genuß der tönenden Kunst doppelt empfänglich macht. 
In Wien bestand eine Zweigniederlassung des Hauses seit 
1900, und Theodor Hupfeid, der Bruder des Chefs, leitete 
sie mit hingebender Treue bis zu seinem leider zu früh er 
folgten Tode Anno 1911. Im Jahre 1902 ward die Berliner 
Filiale ins Leben gerufen, die sich seit 1916 in der Leipziger 
Straße 110 befindet. 1903 folgten die Errichtung der Filialen 
in Haag und Amsterdam zur Förderung des schon damals sehr 
lebhaften Geschäftes mit den Niederlanden und deren Kolonien, 
1904 kam Dresden, 1905 Hamburg an die Reihe. An allen 
diesen musengeweihten Stätten sammeln sich Geschäftsfreunde 
und Musikliebhaber, um die Fortschritte zu prüfen, mit denen 
das Haus Hupfeid die Kunstwelt immerdar beschenkt. Im 
Jahre 1910 wurde im Herzen Leipzigs das Hupfeldnaus 
Petersstraße 4 errichtet, ein Repräsentationsgebäude vornehmen 
Stils, das außer Ausstellungsräumen einen schönen Konzertsaal 
enthält. In dieser wundervollen Umwelt spricht die Macht 
der Töne besonders ergreifend zum Gemüte. 
Im gleichen Jahre begann die Geschäftsleitung den Be 
schluß in die Tat umzusetzen, dem ganzen Unternehmen, das 
tapfer alle Widerstände überwunden hatte, ein seinem Um 
fange entsprechendes neues Heim zu geben. Es entstand 
jener monumentale Fabrikbau in Böhlitz-Ehrenberg, der, zwi 
schen den beiden Thüringer Eisenbahnstrecken gelegen, weithin 
das Land beherrscht. Der 63 Meter hohe Turm bildet ein 
gebietendes Wahrzeichen. Wer von der Stadt her über die 
neue Zeppelinbrücke sich nähert, erblickt die imposante Sil 
houette als Abschluß einer Waldperspektive. Die pfeiler 
gegliederten Fassaden des gewaltigen Baues prägen Würde 
und in sich selbst ruhende Schönheit aus. Dem edlen Lineament, 
der wohldurchdachten Formensprache entspricht die Güte des 
Baumaterials. Paul Ranft, in der Fassadenzeichnung unter 
stützt von Franz Hänsel, hat hier Vorbildliches geschaffen und 
für das wohlberechtigte Kraftbewußtsein seiner Auftraggeber 
den glücklichsten Ausdruck gefunden. Selbstverständlich war 
die meisterlich gestaltende Baukunst vor allem auch Dienerin 
des Nutzzweckes. Die Konstruktion wurde nirgends verhüllt, 
die Räume stellen sich sauber und lichtdurchflutet dar, ihre 
Reihenfolge korrespondiert mit dem Entwicklungsgänge der 
Erzeugnisse. Was die Technik leisten kann in bezug auf 
Maschinerie, künstliche Beleuchtung, Beheizung, Wasserver 
sorgung, Absaugung der Sägespäne, Transporterleichterung 
durch Aufzüge und durch Laderampen, das alles hat sie hier 
in achtungheischender Weise vollbracht. Eine Wunderwelt tut 
sich dem Betrachter auf, der, bei den mächtigen Holzlägern 
beginnend, die Werkstätten bis zu den Magazinen mit den 
fertigen Instrumenten, der Stanzerei für Notenrollen und den 
mit 70 Beamten besetzten Kontoren durchwandert. Am 
15. Mai 1911 wurde der Schlußstein gelegt, und am 30. Ja 
nuar 1912 besichtigte der sächsische Landesherr das Etablisse 
ment, das in den Spalten vorliegender Zeitung in jenen Tagen 
eingehend beschrieben worden ist. Dem besten künstlerischen 
Rufe der Firma entspricht das hohe Ansehen in kaufmännischer 
und volkswirtschaftlicher Hinsicht. Das Haus Hupfeid ver 
stand das oft erschüttert gewesene Vertrauen in die Branche 
zu befestigen und dies nicht zuletzt durch eine gesunde weit 
blickende Dividendenpolitik, die den Aktionären Bürgschaften 
bietet und Reserven schafft. 
Der Weltkrieg mit seinen unermeßlichen Erschütterungen 
und Wandlungen hat die Leiter der großen Anlage, in der 
1500 Menschen ihr Brot verdienten, wohlgerüstet auf dem 
Plane gefunden. Die Musen mußten dem geharnischten Mars 
Platz machen, und der Betrieb ist mit großem Anpassungs 
vermögen in den Dienst der Heeresleitung gestellt worden 
zum Wohle des Vaterlandes. 
Im Ruhmeskranze von Generaldirektor Ludwig Hupfeid 
und Otto Tetzner würden einige der schönsten Reiser fehlen, 
wenn wir nicht ihrer sozialen Gesinnung und Menschenfreund 
lichkeit gedenken wollten. Die Wohlfahrtseinrichtungen, die 
Küche und Speisesäle für Beamte und Arbeiter, die Garde 
roben mit den praktischen Schrankeinrichtungen, dies alles 
bezeugt eine weitgehende Fürsorge. Nicht minder beweist die 
Abteilung für Lehrlingsausbildung, wie sehr die Unternehmer 
sich bemühen, tüchtige Kräfte heranzuziehen, die auf Grund 
ihrer Kenntnisse im Leben vorwärtskommen. 
Wir haben in Umrissen das Werk der Jubilare geschil 
dert; damit haben wir ihr Leben selbst beschrieben, das mit 
ihrer Arbeit unzertrennbar verankert ist. Das Vertrauen der 
Mitbürger berief beide Männer zu manchen Ehrenämtern. Fest 
und hocherhobenen Hauptes gehen sie ihres Weges, zwei 
aufrechte Deutsche, die nicht viel Worte verschwenden, aber 
durch die Tat reden. Ablenkendem gesellschaftlichen Verkehr 
ziehen sie die stillen Freuden des Familienlebens vor. Das 
behagliche Heim Ludwig Hupfeld’s an der Dlllnitzer Straße 
ist ein künstlerisch aparter Bau, den Franz Fänsel entwarf. 
Gruppen zierlicher Putten versinnbildlichen die Beziehung der 
Bewohner zur Musik. Ein blanker Teich inmitten idyllischer 
Gärten spiegelt die wuchtige und doch elegante Villa, die in 
ihrem Innern einen prächtigen elliptischen Musiksaal enthält. 
Hier, im Kreise der Seinen, sammelt der rührige Besitzer die 
Kräfte, die ihn befähigen, das Faust wort, zu erfüllen: „Nur 
der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie er 
obern muß.“ Paul Daehne.
	        

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