Full text: Das jüngste Gericht

118 — 
c) Nach der Besichtigung des zu zwei Drittel fertiggestellten Aluminium-Ap 
parates am 3. October 1894. 
Die Kreuzzeitung vom 4. October 1894, nach Entsendung des Baumeisters 
Adamy als Berichterstatter: 
Die Flugmaschine von Ganswindt. 
Hermann Ganswindt hat seine Flugmaschine in allen wesentlichen Theilen so 
weit fertig, dass die gänzliche Vollendung nicht sehr lange Zeit mehr auf sich warten 
lassen wird, falls nicht gar zu kalte Witterung einen unfreiwilligen Aufschub der 
Arbeiten verursacht. Herr Ganswindt hat sich durch erneute Angriffe auf ihn und 
seine zumeist bereits in den grossen Staaten patentirten Erfindungen veranlasst ge 
fühlt, die Zeitungen zu einer Berichterstattung über den augenblicklichen Stand des 
Baues seiner Flugmaschine einzuladen. Heute Nachmittag nun haben wir eine ein 
gehende Besichtigung in dem auf freiem Felde an dem Mariendorfer Wege (der Ver 
längerung der Tempelhofer Strasse in Schöneberg) gelegenen Montage-Gebäude vor 
genommen. Ein einfaches, vielseitiges Holzgebäude dient dem Bau der Flugmaschine 
als Werkstätte. Herr Ganswindt gab zunächst eine Erläuterung des Princips seiner 
bald flüggen Vorrichtung an der Hand kleiner Flugapparate, wie solche als Spielzeug 
seit langen Jahren bekannt sind. Die Wahrheit des Wortes: ,,Es liegt ein tiefer 
Sinn im kind’schen Spiel“ will Herr Ganswindt bethätigen. Der Erfinder trug heute 
im Gegensätze zn dem aus seinem Vortrage in der Philharmonie (im Mai d. J.) und 
aus seinem Feder-Feldzug, von uns gewonnenen etwas nervösen Eindruck ein völlig 
ruhiges Wesen zur Schau, das von der Ueberzeugung unfehlbaren Gelingens beseelt 
war. Ersichtlich hat er durch seine Arbeit und die Freude daran, sein Vertrauen 
auf Erfolg noch gekräftigt und er konnte garnichts Vernünftigeres thun, als der 
Berichterstattung Gelegenheit zu geben, sich von dem Stande des Werkes zu unter 
richten: wir standen der Flugmaschine selbst gegenüber und bekennen vorweg, dass 
die Art ihrer Ausführung im ganzen wie in den einzelnen Theilen eine technische 
Musterleistung ist und an die schönsten Erfolge der Präzisionsmechanik heranreicht, 
zunächst ganz abgesehen davon, dass ihre Construction auch die beabsichtigte Wir 
kung erhoffen lässt. 
Wir geben dieses Urtheil mit voller Entschiedenheit ab und freuen uns, es aus 
innerster Ueberzeugung thun zu können. Auge in Auge mit der Flugmaschine und 
ihrem Ersinner gingen wir, offen gestanden voller Skepsis, den Einzelheiten nach, um 
bald zu erkennen, dass Herr Ganswindt unbedingt zu den hervorragenden Construc- 
teuren unserer Zeit zu zählen ist. Allein seine Antriebmaschine, bei welcher die 
Kurbel mit ihren todten Punkten durch eine Seilzugscheibe ersetzt ist, bezeugt dies: 
dieselbe leistet etwa das zweifache an Kraftleistung, als eine Kurbelmaschine und er 
reicht einen höchstwerth von fast 2 Pferdestärken. Wir sahen diese Maschine nicht 
nur in Arbeit, sondern setzten sie mit den Füssen selbst in Bewegung, um uns von 
der leichten Betriebbarkeit im Verhältniss zu der grossen Kraftleistung zu überzeugen. 
Die Flugmaschine ist zur guten Hälfte fertig. Bei ihrer Konstruktion ist 
Ganswindt von dem Grundsätze ausgegangen, dass eine Flugmaschine in jedem 
Falle mit einer enormen Flügelspannung mit grösster Leichtigkeit, Festigkeit und 
Genauigkeit rechnen muss, aber auch der schnellsten Bewegung keinen erheb 
lichen Widerstand entgegensetzen darf, wenn die zu ihrem Betriebe aufgewendete 
Kraft nicht grösstentheils verloren gehen soll, wie es bei allen derartigen Ver 
suchen der Fall war, welche sich über eine fallschirmartige Luftrutschbahn in 
Wellenlinien von oben nach unten in ihren Leistungen erheben wollten. Dieses 
vorbezeichnete Ziel erreicht Ganswindt durch ein Versteifungssystem auf Zug 
mittels seidenpapierstarken Bandstahls, von welchem etwa 25 Streifen aufeinander 
gelegt erst einen Millimeter ergeben boi je etwa 150 kg Zugfestigkeit. In der 
ganzen Welt konnte nur eine einzige ausländische Fabrik diesen Bandstahl in 
solcher Feinheit liefern. Die Aluminiumflügel von 14 Meter Länge werden von 
Hunderten solcher dünner Stahlstreifen in ebensovielen Punkten, nach der Gans- 
windtschen Flugtheorie in parabolischer Krümmung genau regulirt, unter grosser 
Spannung festgehalten. Die Stahlstreifen selbst werden wiederum durch zahl 
reiche Aluminiumstäbchen und Querbänder in kurzen Zwischenräumen vor Ver 
drehung geschützt, so dass diese haarfeinen, obenein noch unter der Lupe scharf 
angeschliffenen Versteifungsbänder die Luft fast ohne Widerstand durchschneiden 
und, was die Hauptsache ist, mit ihren schiefgestellten Flächen noch als Flügel
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.