Full text: Festschrift zum Deutschen Tag in Kassel am 31. Mai bis 1. Juni 1924

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aber gerade, wo sich solche objektiven widerstände bemerkbar machen, 
erwacht beim Menschen in heißer Glut der Eifer „die Natur zu über 
winden", sich selbständig, stark zu machen. 
Zeitgeist (Mode) und Massenseele, steter Veränderung unterworfen 
wie die Wirtschaftslage selbst, können an ihrem Teile Aufschluß über 
menschliches Wirtschaften geben. Im Toben der Maschinen, in den 
himmelan getürmten Nohstoff- und Warenlagern, in brausenden Zügen 
und neuen Erfindungen offenbaren sich menschliche Geisteskräfte (Hel 
weg I. 1924, Ist Technik Geist?) und aus dem feilschen der Händler, 
aus der Preispolitik der Kartelle, aus Börsenmanövern und Presse 
artikeln, aus der Politik der Gewerkschaften, aus der Organifations- 
weise und Diplomatie des Kaufmanns spricht menschlicher Wille: sie 
volo, sie esto! Und auf jede Nktion antwortet eine Neaktion und 
vervollständigt das organische Geflecht der Wirtschaft. Gewaltsamer, 
künstlicher Eingriff darein von außen her hieße das Nad der Zeit 
selbst umdrehen zu wollen, ein sinnloses Beginnen, daß sich noch immer 
bitter gerächt hat. hier steht man an den Grenzen des Zwanges, wie 
Finanzgesetzgebung und Bekämpfung von Spekulation und Wucher 
während der Inflation zur Genüge gezeigt haben, was frommt da 
ideologische Verschleierung? Sie ist Rückschritt und Tod, Einsehen aber 
und positive Kritik üben, bedeutet allein Fortschritt. Man muß die 
Dinge endlich einmal betrachten, wie sie in Wahrheit sind, nicht, wie 
sie sein sollen; vornehmlich auf wirtschaftlichem Gebiete gilt es, 
biologisch und psychologisch zu forschen und zu begreifen, wie es die 
österreichische Schule so hoffnungsvoll angebahnt, aber nicht zu glück 
lichem Ende geführt hat. Die wirtschaftlichen Motive dürfen bei ge 
wissenhafter Untersuchung nicht verkannt-oder gar geleugnet werden 
(v. Degenfeldt-Schonburg, Die wirtschaftlichen Motive und der Sozialis 
mus). Leider walten nun auf wirtschaftlichem Gebiete letzten Endes 
nicht die edelsten Triebe des Menschen. Im Kampfe um die materielle 
Existenz, aus Hunger und Gier, ist der Herrscher der Schöpfung — so 
nur läßt sich vieles Unglaubliche erklären. — naturhaft, animal 
mechant par excellence (Schopenhauer), unersättlich, grausam. Und 
über die elementare Befriedigung hinaus geht ein urwüchsiges Streben 
nach Macht und Geltung, nach Mehrhaben und Besitzen. Das ist 
menschlich, allzu menschlich. 
wir berühren damit das vielumstrittene Problem „Wirtschaft und 
Ethik" und folgern im Nahmen unserer Nusführungen: wirtschaftliche 
Handlungen unterstehen schlechthin dem Gesichtspunkte der Opportunität,
	        

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