Full text: Festschrift zum Deutschen Tag in Kassel am 31. Mai bis 1. Juni 1924

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Absturz folgte. Friedrich Wilhelm IV. besaß nicht den Mut, ohne das 
freie Einverständnis der Fürsten die dargebotene Krone aus den Händen 
des Volkes anzunehmen. Cr war nicht der König der Preußen, den 
Fichte geweissagt hatte als „Zwingherrn zum Deutschtum", als Kaiser 
der Zukunft. Die Worte Arndts, die Gefahr sei für Preußen immer 
eine sieglockende Sonne gewesen, paßten wohl auf Friedrich den Großen 
und auf des Königs Bruder, den Prinzen Wilhelm, aber nicht auf 
Friedrich Wilhelm IV., der in schlecht angebrachter Nomantik mittel 
alterlicher Neichserinnerungen ein für allemal den Kaiser von Öster 
reich als „Ehrenhaupt teutscher Nation" vorschlug und sich mit dem 
Amt eines „erblichen Neichserzfeldherrn" begnügen wollte. Das Werk 
der Nationalversammlung war zerstört, aber die von ihr in heißen 
Kämpfen geschaffene Neichsverfassung lebte fort und galt fortan der 
Nation als das Ideal deutscher Einheit und Freiheit. Selbst Bismarck 
beabsichtigte, wie Schurz in seinen Lebenserinnerungen (II, 494) er 
zählt, für den Fall eines französischen Einbruchs während des deutsch 
österreichischen Krieges die Frankfurter Verfassung von 1849 zu prokla 
mieren und so mit einem Schlag eine deutsche Nation zu schaffen. 
Für uns Deutsche ist es ein trauriges Zeichen, daß die Männer der 
Paulskirche, die so unerschütterlich an den Genius der deutschen Nation 
glaubten, von jeher und immer wieder in den Schmutz gezerrt werden. 
Nicht weiter verwunderlich ist es, daß Marx in seinen gehässigen Auf 
sätzen über die deutsche Nevolution, die er 1852 zum Schaden des 
deutschen Volkes in der New porker „Tribune" erscheinen ließ, über 
das erste deutsche Parlament, diese „Versammlung alter Weiber mit 
ihrem kindlichen Gebaren, ihrer unfreiwilligen Lächerlichkeit und 
Impotenz des Denkens und Handelns", seinen zynischen hohn ausgießt. 
Auch dem impulsiven Schwarzwälder Hansjakob, dieser kraftstrotzenden 
kantigen Demokratennatur, wollen wir es nicht allzu sehr verübeln, 
wenn er in seinen „Jugenderinnerungen" das scheitern der freiheit 
lichen Bewegung von 1848 dem „schmachtlappigen Liberalismus" des 
Frankfurter Parlaments in die Schuhe schiebt. Bedauerlich aber ist es, 
daß ein Mann von der wissenschaftlichen Bedeutung Spenglers in das 
selbe Horn stößt und die Männer der Nationalversammlung mit Aus 
drücken wie „Schwätzer, ehrliche Narren, weltfremd bis zum Komischen, 
Jean-Paul-Naturen"* bedenkt, ohne anzuerkennen, daß diese von ihm 
verspotteten Idealisten in aufopfernder Arbeit die Grundlagen geschaffen 
haben, auf denen das spätere geeinte Deutsche Neich sich erheben konnte. 
* Spengler: Preußentum und Sozialismus. München 1920. §. 12, 17. 
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