Full text: Festschrift zum Deutschen Tag in Kassel am 31. Mai bis 1. Juni 1924

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die kräftige Genußfreudigkeit des eignen Kreises geschildert hat, von 
Brouwer, Teniers und Gstade, die in ihren Werken das Leben der 
Bauern humorvoll darstellten, fort. Kndere haben ein offenes Kuge 
für die Landschaft, die ihnen in jeder Erscheinungsform schön dünkt, 
denn es ist der Heimatboden, hier ist Nuysdael der Führer, der bald 
schlicht ein gegebenes Stück Wirklichkeit wiedergibt, bald die Natur 
phantasievoll steigert. Kndere malen das Meer, darauf der Welthandel 
beruht und das den Stolz des Landes, die siegreiche Flotte, trägt, wie 
die van de Veldes, von denen Kdriaen im „Strand von Scheveningen" 
eines der vollendetsten Zeebilder schafft, das je gemalt worden ist. 
Paul potter malt die weite des Landes und die prachtvollen Herden, 
welche darüber verstreut sind, Wouwerman Landschaft, belebt von ele 
ganten Kavalieren oder von Bauern bei 5lrbeit und Bast, überall durch 
geistvoll feine Beobachtung überraschend. Kl? diese Künstler und noch 
viele außer den genannten findet man in Kassel vereinigt, und aus ihren 
Werken steigt, malerisch verklärt, ein geschlossenes Bild von dem nieder 
ländischen Leben des 17. Jahrhunderts auf. 
Daneben treten die übrigen Abteilungen der Galerie stark zurück, 
so viel Bedeutendes auch hier im einzelnen zu finden sein mag. Km 
schwächsten ist die italienische Kbteilung. Zu ihrem Bezirk freilich gehört 
ein Hauptwerk der Sammlung, das lebensgroße Bildnis eines vornehmen 
Mannes von Tizian. Des schönsten poussins in Deutschland rühmt sich 
die Galerie mit Necht. 
Nicht bedeutend an Zahl ist die Kbteilung der „primitiven", jener 
Gruppe von Künstlern, deren Schaffen vor dem Jahre 1500 liegt- auch 
hier freilich wird der Kunstfreund Werke von bedeutendem Kunstwert 
begrüßen, wie ein Jugendwerk von Dürer und die erschütternde Kreu 
zigung von Kltdorfer, der sich darin von dem Geiste Grünewalds er 
griffen zeigt. Kuch von Tranachs eigenartiger Kunst sind gute Bei 
spiele vorhanden. Bedeutender erscheint eine geschlossene Gruppe der 
besten niederländischen Porträtmaler des 16. Jahrhunderts, nicht mehr 
eigentlich primitive, und doch mit hals und Nembrandt verglichen 
altertümlich in ihrer Formensprache. In keiner Galerie der Welt findet 
man eine gleich große Zahl hervorragender Bildnisse dieser Zeit,- das 
Gruppenporträt des Holländers Scorel — vielleicht der früheste ver 
such dieser Krt im Norden —, die drei ausgezeichneten Stücke des Joos 
van Tleef, Lombards Selbstbildnis und endlich die vier Porträts des 
großen Kntonis Mor. Unter diesen aber ragt hervor — und überragt 
all' die anderen genannten — das Bildnis Wilhelms von Gramen, des
	        

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