Full text: Abschriften aus Tagebuchnotizen (Typoskript)

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"Aesthetischer Mensch" - das ist ja grade der Verderb, das 
Leben will gelejbt werden." 
Ich: "Gottfried Keller? Grüner Heinrich? "der Seher ist erst 
das rechte Leben des Gesehenen"? - ? - Er: "Ach Keller, das 
ist auch einer Yon meinen Vettern, einer vom Stamme der Im» 
potenten? aber lass es nicht das sein? so hat ihm Jüie ..9; 
/?der Künstler in ihyH diesen Gedanken diktiert; auf das Werk 
des Künstlers passt der Spruch, das lebt erst, wenn es ge» 
sehen wird, aber das Leben will geblebt"• Ich(unterbrechend) 
"Du bist grässlich oberflächlich". Er (geht rasch zur Türe): 
"Adieu" Ich (gehe ihm schnell nach und führe i^n ins Zimmer 
zurück) "Sieh mal , du darfst mir das nicht übel nehmen. "0= 
berflächlich" war auch vielleicht ein verkehrtes Wort. Mir 
passt nur - das weisst du - so eine Gegenüberstellung "Kunst 
- Leben" nicht; ich sene eben lieber in eins. Du trennst, 
fijsiehst auseinander, bist mit dem, was du hast, nicht zufrie» 
den, hältst es für garn chts - ohne dös andre. Gestern vor» 
mittag fielst du xLir ein; da las ich in einer Novelle von 
^eyse: "Ein jeder muss sich entscheiden, ob er das Leben ge» 
niessen oder erkennen ( nach deiner Terminologie: leben oder 
anschauen) will". Nu bin ich sicher nicht für eine solche 
"Entscheidung", aber ich meine eben, man soll es dem Leben 
überlassen, ob es sich lieber erleben oder betrachten lassen 
will". 
Er:"Quietist"! 
Ich: "Schulmeister deines Ichs!" 
Er: "Wir werden uns eben nie einicgen können, der Gegensatz 
/Tliegt wirklich ganz tief verankert in unser beider Wesen. 
Um dich tuts mir manchmal {^eid, dass wir uns nennen gelernt 
haben. Dir wäre sicher wohler ohne meine Ereundscnart. Na - 
auf Wiedersehn!" (Mit diesen Worten geht er ironisch leise 
lachend zur Türe hinaus) Ich: "Hoffentlich nicht zu bald!" 
16.VII. 
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Es ist ein Fehler, so lange Sachen in dies Buch zu schreiben 
kriegt Angst, es wieder aufzumachen. 
M'L s/'nd immer gute Menschen"; d.h. : sie haben das \ ov
	        

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