Full text: Briefe aus Krieg und Frieden

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Linie. Ihr Beiden! Es grüßt Euch aus der Ferne 
Euer Vätilein. 
(Berlin, Dezember 1926) 
Mein inniglich geliebtes Kindlein! 
Weil es draußen so stürmt und regnet und Du Geliebtes doch 
oft darunter leidest, will ich schnell mit einem Brieflein mich 
einstellen. Heut erhielt ich Deine lieben Zeilen und konnte sie 
hier in aller Ruhe beim Morgenkaffee lesen. Übrigens auch den 
Brief mit der Erzählung von Stutterheim erhielt ich richtig. 
Für das Geldchen vielen Dank. Ich war schon sehr im Druck,bald 
schicke ich es zurück mit Zinsen! Nein, das ist nicht wahr, ich 
bringe es selbst!! 
Etwas will ich Dir nun gleich als erstes erzählen. Also mein 
Goldhäslein, nach reiflicher Überlegung habe ich mich nun ent 
schlossen, Ostern nicht das Examen zu machen. Ausschlaggebend 
sind zwei wichtige Punkte: Erstens bin ich in allen Fächern 
noch nicht so weit, daß ich mit einigermaßen sicherem Gefühl 
es bestehen könnte; Du weißt es ja auch sehr gut, z.B. in Deutsch 
und Mathematik. Dann werde ich auch jetzt schon so unruhig,daß 
ich vor lauter Angst garnicht mehr richtig arbeite. Vielleicht 
verstehst Du, was ich damit sagen will. 
2). Ich hatte Gelegenheit, gestern in Potsdam mit dem Pastor 
Schröder, der mir in Mathematik (Differentialrechnung) eine 
Nachhilfestunde gab, eingehend alles durchzusprechen. Es wer 
den mir 2/3 der Semester angerechnet, wie bei ihm s.Zt. auch, 
so daß, wenn ich es erst im 3. Semester machen würde, (also 0- 
stern in einem Jahr) mir zwei Semester angerechnet würden. Zu 
dem ist ab Ostern das Examen ganz allgemein erheblich erschwert 
worden wegen des großen Andranges. Deshalb habe ich den schweren 
EntschluO gefaßt, das Examen nicht voreilig zu versuchen. Des 
halb komme ich von jetzt ab alle 14 Tage - 3 Wochen wieder ins 
Häuschen und arbeite so fleißig wie möglich weiter.
	        

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