Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

Beuern 
vor der Gotteskammer erscheint nach Reimer erst 
1303 als Burn, 1309 als Buren, 1360 zum Amt 
Felsberg gehörig, 1583 als Beuern und 1747 als 
Bühren, mundartlich heute noch als Biren oder 
Büren. Es ist das uralte bur, bür, das z. B. schon 
741 in dem Bischofssitz Büraberg bei Fritzlar mit 
seiner vorgeschichtlichen Höhenstätte auftritt: es heißt 
feste Bebauung. Ueber Beuern liegt die 278 Meter 
hohe „Hühnerburg", die aber — da Hühner nie 
Burgen gebaut haben — eine H ü n e n b u r g ist 
und in der Gegend auch Chattenbürg genannt wird. 
Der Volksmund ist immer verläßlicher als die Wis 
senschaft landfremder Bürokraten, auf der noch allzu 
häufig die ablehnende Einstellung, aber auch die 
„amtliche" Schreibweise beruht. Der noch weiter 
westlich belegene Sundhos liegt am Sonderbach und 
soll mit der Hünenburg bzw. dem Rhünder Berg 
durch den sagenhaften „Unterirdischen Gang" ver 
bunden sein: eine spätere Ueberlieferung, der Kultur 
der Altvorderen entfremdet, konnte sich anders die 
Verständigung von Berg zu Berg nicht vorstellen, 
die auf hochentwickeltem Gestirndienst und ebensol 
cher Vermessungskunst beruhte! Noch heute gibt es 
Gelehrte in Deutschland, die solche Kenntnisse den 
alten Aegyptern und heutigen innerafrikanischen 
Stämmen bedenkenlos zubilligen, unseren „barbari 
schen" Vorfahren aber ebenso skrupellos absprechen. 
Am Sund Hof, wo auch Spicke (als Steg) und 
Loh vorkommen, steht die älteste hessische Eibe, ein 
früher weitverbreiteter Waldbaum, der u. a. unseren 
Fbergen den Namen gab (ahd. iwa = Eibe). 3n 
nordisch-germanischer Heimat bezeichnet Sund einen 
zwei Küsten (Seeland und Schonen) trennenden 
Meeresarm: stier trennt der Sonderbach Sundhof 
und Hünenburg vom Schonenberg (heuteSchön 
berg), der nicht nur ebenfalls vorgeschichtlich besie 
delt war, sondern mit dem Kirchwadel das zum 
Gericht Gensungen gehörige D^rf Sconenberg trug. 
Schonen und Sund sind vielfach belegtes, alt-chatti- 
sches Sprachgut, sowohl hier wie am Kattegat, der 
Chatten-Straße. Sunder-Orte sind Grenzstätten: 
Sontra z. B. bedeutet Sundr-aha = Grenzbach. 
Vielleicht liegt hier am Sundhof vor dem Mark 
wald ein Königssundern aus der Zeit erster 
Markenteilung vor: die Ueberlieferung spricht von 
einem Kloster (= tzof). Nordwestlich Beuern, am 
Alten Beurischen Weg nach Gensungen, liegt die 
bereits erwähnte kahle Erhebung „Auf dem Bel" 
vor Langem Berg und Langem Wald, eine typisch 
chattische Donar- und Bilstätte. Auch dieser Lan 
genberg mit dem „Himmelreich", wie mehrere 
andere, ist keinesfalls ein langgestreckter Berg. Der 
Umstand erinnert erneut an die Wahrscheinlichkeit 
eines Doppelsinns für lang = heilig, dem darüber 
hinaus noch ein Längenmaß für (kultische) Renwege 
oder -bahnen zugrunde gelegen haben mag, ent 
sprechend dem griechischen st a d i o n ! Es sollte 
wirklich berechtigt sein, sich in Mittelgermanien und 
zumal im Ur-Chattengau nach einer Kultur umzu 
schauen, die wir nach bisheriger Lesart vom Mit 
telmeer (!) bezogen haben!!! 
Gensungen 
liegt an der Mündung des Sonderbaches in die 
E d d e r, dem ältesten chattischen Strom, der bei 
Guxhagen/Breitenau die unbedeutendere Fulda als 
Nebenfluß aufnimmt und — auch nach geologischem 
Befund — durch das Kasseler Talbecken floß, bei 
Münden in die Werra ----- Weser einlaufend. Auch 
hier ist, worauf ich seit Fahren verweise, die Schul 
geographie wieder einmal auf Abwege geraten. Bei 
Gensungen leitete eine alte Edderfurt^ den S ä l z e r- 
w e g, der vom Heiligenberg/Rentriesch herunter 
kam, über in den Gaubezirk von Maden/Fritzlar. 
Gensungen kommt schon in den „Traditiones et 
antiqnitates Fuldensis“ (Dronke) vor: seine Pfarrei 
gehörte 1085 dem Stift St. Petri in Fritzlar. 1253 
findet sich die Schreibart Geinsingen, 1256 Gensun 
gen, wobei gein und gens schwer zu deuten sind. 
1256 wird die (nahe) Malstätte eines der 9 
alten Z e n t g e r i ch t e des Hessengaus erwähnt, 
während 1556 nur noch ein Untergericht besteht. 
Gleichzeitig war Gensungen Sitz eines der 9 Erz- 
priester des urhessischen Archidiakonats, unter dem 
Propste von Fritzlar noch 1425 erwähnt. Die Pfarr 
kirche war wie in Fritzlar dem Heil. Petrus ge 
weiht. Eine in Resten heute noch vorhandene Al 
banskapelle lcapella 8t. Albani) unterstand 
1322 dem Kloster Eppenberg. Sie dürfte aber er 
heblich älter sein und der vorbonifatianischen Mis 
sion wie St. Kiliani in Büchenwerra entstammen, 
also älter wie die Bonifatius-Gründung St. Petri 
sein. Während diese Petrus-Kirche wohl die Do 
nar-Stätte des Bel zu entsühnen hatte, er 
wuchs bereits früher St. Alban die gleiche Auf 
gabe gegenüber den viel bedeutsameren Wodan- 
Holle-Kultstätten der Gotteskammer 
und dem Sonn wendheilig tum auf dem 
D r e i b e r g. Der St. Albans-Tag ist nicht nur 
der 22. 6., also der Tag der Sonnenwende, son 
dern wir hörten bereits, daß die Albanskapelle dem 
Kloster Eppenberg bzw. der Karthause unterstand, 
die wiederum St. Fohannis geweiht war, wel 
cher christliche Heilige sich Jahrhunderte hindurch 
bis heute die Uebertragung der Kultur des Sonn- 
wend-, Himmels-, Herren- und Frofeuers gefallen 
lassen mußte. Man hatte einfach den Tag der 
Sommersonnenwende, nach dem altrömi 
schen Kalender den 24. 6., zum Geburtstag Johannes 
des Täufers gestempelt: Karl der Große feierte ihn 
801 erstmalig zu Ivrea. Noch 1767 hatte die hessi 
sche Regierung ihre Not, die „Fohannisfeuer", d. h. 
den Sommersonnwendkult auf altheiligen Bergen, zu 
unterdrücken! — Nahe dem rechten Edderufer liegt 
die Wüstung Ober-Gens ungen. Nordöstlich 
Gensungen, auf einer Vorhöhe des Heiligenberges 
und oberhalb der sog. Opperecke, liegt der Galgen. 
Er soll früher Richtstätte (auf älterer Kulturstätte?) 
gewesen sein und trägt heute das stattliche Krieger 
denkmal. Häufig wurden alt-heilige Orte zu Richt 
stätten und anderweit profaniert; wir müssen auch 
an die ältere Bedeutung von galg — Brunnen den 
ken. Am linken Edderufer lagen „Pfingstrasen" und 
„Kämpfen", die an Kampf- und Belstätte erinnern. 
Kopp sagt in der „Hess. Gerichtsverfassung", daß 
in Gensungen ein Gericht „in plenario juxta litus 
aquae“ abgehalten worden sei. 
Wenden wir uns nunmehr dem Gebiete zu. das 
dem Quiller nördlich vorgelagert ist: dem Edder 
und Fulda trennenden, heute waldfreien Fulda 
berg mit seinen beiden Talhängen. Als Ausgangs 
punkt dieser Anschluß-Wanderung wählen wir das 
Eddertal. Hier liegt — der altbedeutsamen „Amsel" 
gegenüber —
	        

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