Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

mit äußerem Steinkreis, sonst mit wirrer, teils 
dichter innerer Steinstreuung. Seitlich der Autobahn 
bleiben weitere Gräber unberührt. Sie werden z. T.. 
von einem Rastplatz der Reichsautobahn aus, der 
Besichtigung erschlossen. Alte Wacholderbüsche, im 
Kiefernwald erstickt, kennzeichnen hier noch mehrfach 
die Gräberstätten; vgl. „Dorn-Orte in Hessen", 
S. 4. Im 
Quiller 
stecken auch sonst noch allerlei geheimnisvolle Stät 
ten ältester Kultur. 2m Distrikt 51 liegt östlich 
des Mönchskopfes die Kreuzeiche, als seltenes 
Naturspiel Eiche und Buche in inniger Umschlin 
gung zeigend. Sie wird heute fälschlich Brauteiche 
genannt. In Wirklichkeit haftet dieser Name (Brütt- 
eeche, bi der Brütt) an einem 80—100 Jahre alten 
Baum, der der Autobahn zum Opfer fallen mußte. 
Die echte und älteste B r a u t e i ch e*) stand in 
nächster Nähe, auf dem Rohleiber bzw. in der 
Rohleibersdalle. Diese Eiche siel 1876; sie war so 
stark und so gesund, daß aus ihr 18 Säulen zum 
Hausbau geschnitten werden konnten. Der vom 
Quillerkopf nach SW. verlaufende Balhäuser- oder 
Ballershäusergraben belegt nicht nur eine schon 
1468 wüste Dorfsiedlung Baldenhusen oberhalb des 
Mittelhofes, sondern damit eine Siedlung der Bal- 
oder Billeute, deren (heilige) Bal-Häuser wohl 
in größerer Höhenlage standen, vielleicht gerade 
da, wo jetzt das große Gräberfeld aufgedeckt wurde 
und der hier in einer Geländerinne auslaufende 
Balhäuser Graben eine (versiegte) Quelle 
vermuten läßt. Jedenfalls bestätigen die Gräber 
funde inzwischen die Bergkultur des Quillers. In 
ihr spielt auch der Hohe Berg nördlich Heßlar eine 
Rolle. Es ist ganz unmöglich, in das Dunkel der 
Vorgeschichte allein durch Ausgrabungen Licht brin 
gen zu wollen, ohne Berücksichtigung dessen, was 
Landschaft und Flurname, Sage und 
Brauchgut gerade in Hessen in so reichem Maße 
überliefern! 
Heßlar 
ist eine Lar-Stätte der Hessen oder aber der Äsen, 
denn es heißt der Ort in ältester Form 1061 Ha 
selare und es gibt manche Hasen-Orte, die ohne 
weiteres als Äsen-Stätten zu gelten haben. 
Hase und Esel waren den Alten nie bedeutsam 
genug, um namengebend auftreten zu können. Und 
alt sind die lar-Orte unter allen Umständen, selbst 
wenn die zufällig überlieferte Urkunde, die in äl 
tester Zeit immer seltener wird, ein viel späteres 
Datum belegt. Der zum Gericht Gensungen ge 
hörige Ort erscheint danach 1295 als Heslere, 1351 
als Heseler und 1403 als Hesseler, 1493 sogar in 
der Schreibweise Heysseler. Er hat 1383 eine der 
Maria Magdalena geweihte, zu Gensungen gehö 
rige Kirche. Heßlar liegt südlich des Hohen Berges. 
Die im Namen steckende zweite Silbe l a r i st 
uraltes S p r a ch g u t. Es bedeutet vor dem 
5. Jahrhundert immer Wohnsitz und steckt noch in 
dem ahd. gilari = Wohnung. Bis in das 12. Jahr 
hundert hießen zahllose Orte nur Lar, z. B. Dorf 
(Gut) Laar im Warmetal, nach dem immer mehr 
*) Das Brauchtum um die Brauteiche ist jün 
geren Datums, „Braut" ist als Weg zu deuten; 
vgl. „Rauhlöver und Rohleiber", S. 2 ff. 
gerechtfertigten Wilhelm Lange die Burg Eberhards 
von Franken, indessen aber bereits La Tsne-Sied- 
lung. 
Heiligenberg 
liegt nordöstlich von Gensungen und ist ohne allen 
Zweifel ein altchattischer Kultberg, der 1186 — als 
Mainz auf ihm eine Burg baute, deren Geschichte 
hier nicht weiter von Belang ist — castellum Hei 
lingenberg und 1233 eustrum Hileberc genannt wird. 
Das scheint aber der alte Name nicht zu sein, der 
z. T. durch die Allen Heiligen geweihte Entsüh 
nungskapelle entstanden sein mag, die wahrscheinlich 
schon lange vor 1186 auf der Höhe bestand. 1403 
wird der Berg „Mons Dryberg, alias nuncu- 
patus Heiligenberg“ genannt. In der Tat: der 
Heiligenberg war ein typischer germanischer Drei- 
Berg, dessen Urgestalt heute nach Freilegung der 
mittelalterlichen Grundrisse wieder erkennbar ist. 
Drei Markenstreifen in 3 Achsen gingen von ihm 
aus (wie von Mattium/Altenburg), hier: Helweg, 
Ob. und Unt. Edderlauf. Der Dreiberg war 
bestimmt vorgeschichtlich befestigt und besiedelt; an 
geblich trug er die Malstätte eines der 9 ältesten 
Zentgerichte des Ur-Ehattengaus. Ueberraschende 
Feststellungen über die Einortung des Hei 
ligenberges und manche der folgenden Stät 
ten in ein System vorgeschichtlicher 
G e st i r n d i e n st l i n i e n bleiben einer Sonder- 
veröfsentlichung vorbehalten. Immer mehr wird uns, 
den Sehenden und Sehen-Wollenden einer neuen 
Zeit, die Landschaft zur Urkunde, zu 
heiligem Vermächtnis! Wir halten den 
Berg eher für eine Sonnwend st ätte und 
suchen Malstatt und Donar-Heiligtum auf dem 
südlich vorgelagerten Bel. Die Sage von der 
schätzehütenden weißen Jungfrau (Sonnenjungfrau), 
die ani Gipfel des Berges^ haftet und die Benen 
nung der Karthause als St. Iohannis-Weiheort. 
sowie das altüberlieferte Bergtanzfest („Baals") 
stützen diese Annahme. Für die Gestirndiensteig 
nung spricht der weite Rundblick, der die 
wichtigsten Kultberge Hessens erschließt, so u. a. 
im S. Knüll, Eisenberg und Taufstein, im SW. 
Landsburg und Gr. Feldberg (130 Kilometer), 
im W. Wüstengarten und Kahlen Asten, im NW. 
Wodansberg. Odinberg, Weidelsburg und Istha 
berg, im N. Lotterberg. Hohes Gras und Pfanne 
(Herkules), im NO. Stellberg und Meißner, im 
O. die Boyneburg und im SO. Alheimer, Insels 
berg und Rhön! 1866 war der Berg wie alle un 
sere Götterberge noch kahl; alte Leute wollen ivis- 
sen, daß zur Aufforstung Erde in Kötzen heraus 
getragen sei. 
K u l t st ä t t e n 
aller Art umgeben den Heiligen Berg, in denen 
nach indogermanischem Brauch die Götter Verehrung 
genossen. An seinem Nordhang liegt die Kanzel, 
auch Teufelskanzel und Rinnstein genannt, 
die schon Wilhelm Lange als Altar unserer Vor 
fahren erschien und ihren Namen nicht ohne Anlaß 
trug. Eine weitere Teufelskanzel liegt etwas unter 
halb am Wege nach Gensungen als Basaltfels mit 
kleiner Höhle, anscheinend Spalt. Von der erst 
erwähnten Teufelskanzel soll über die Karthau'e ein 
unterirdischer Gang nach dem seltsamen Riesen 
stein bei Wolfershausen führen, den der
	        

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