Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

auch mehrere Jahrzehnte bis fast zu seinem Ab 
leben mustergültig führte. 
Das Hospital Sankt Georg war eine Stiftung, 
die bis in das 13. Jahrhundert zurückreicht und 
alten kirchlich gesinnten evangelischen Stadtbewoh 
nern als Altersheim (Frauen und Männern) dient, 
in das sie sich damals 1906 wie früher und später 
nach Antrag und Aufnahme durch den ersten Pfar 
rer und den Magistrat der Stadt gegen ein ein 
maliges Einkaufsgeld von 450 Mark = 150 Ta 
lern, soweit sie über 50 Jahre alt und würdig und 
bedürftig waren, einkauften. Nur mangels älterer 
Bewerber wurde dies Alter in meiner Amtszeit 
zweimal unterschritten, als zwei ältere alleinstehende 
Jungfern Jakob (43 3.) und Salzmann (48 I.) 
(33 Fahre bei Dr. Lamberts) aus besonderen Grün 
den Aufnahmeanträge stellten. Es war Raum für 
rund 20 Insassen für die wöchentlich durch einen 
Lektor, damals Kantor Ditmar Löber, Lesegottes 
dienste in der zugehörigen über 600 Fahre alten 
Kapelle gehalten wurde,' außer gelegentlichen Pfar 
rergottesdiensten (gegen eine Iahresvergütung von 
60 Mark = 20 Taler). Außer einem Wohnzim 
mer, Schlafzimmer und Küche hatte jeder Insasse 
(Pfründner), meist Frauen (Schneiderinnen. Näherin 
nen. Wäscherinnen, Büglerinnen) aus dem Ertrag 
der recht ansehnlichen Liegenschaftspachtgelder und 
dem etwa 100 000 Mark betragenden Rentenkapi 
talvermögen eine monatliche Pfründe von 10 Mark, 
im Hospitalsgarten einen Pflanzenort und ein Stück 
Garten, bekam jährlich frei auf den Hof eine Klaf 
ter Holz (früher 3,6 Meter, später an die jetzige 
Meterung angepaßt). Ferner hatten alle Pfründner 
freien Arzt, freie Heilmittel und Krankenpflege 
durch den Hospitaldiener und seine Frau, in meiner 
Fugend Wienefeld, später Rüdiger, jetzt Klobes, 
und war für das Hospital eine gemeinsame Wasch 
küche vorhanden, in der die Frauen für sich und 
auch für Auftraggeber Wäsche säuberen und auch 
Bügelarbeiten herstellen konnten. Die Verwaltung 
des Hospitals St. Georg versah der erste ev. Pfarrer 
(Metropolitan) der Stadt (bis 1873 Vilmar, dann 
Endemann, dann Fuldner, jetzt Biel) als Vorsitzen 
der gemeinsam mit dem Stadtbürgermeister, wofür 
letzterer eine Pfründe von 20 Mark jährlich erhielt, 
für Aufsicht beim Umschaufeln der Früchte, und die 
Rechnungsführung mit Aufstellung der Iahresrech- 
nung und Pachtangelegenheiten besorgte der Provi 
sor, in meiner Zeit Ludwig Wickmann, der dafür 
s. m. b. 300 Mark jährlich bezog. Der 1. Pfarrer 
hatte einen Hospitalgarten (mit Bienenhaus), ebenso 
der 2. Pfarrer wie jetzt; in das kleine Gärtchen 
bei dem Kirchen- und Hospitaldienerhause teilten 
sich Bürgermeister und Provisor, die ebenso wie 
der 1. Pfarrer im Garten noch je einen größeren 
Pflanzenort hatten. Auch der Kirchendiener hatte 
an der Mauer bei seinem alten Wohnhäuschen im 
Hospitalgrundstiick beim Eingang an der Spettels- 
gasse ein Gärtchen und Stallung für Kleinvieh. Die 
Obstnutzung mit Grasgarten stand dem 1. Pfarrer 
zu. Außerdem hatte das Hospital jährlich 298,50 
Mark an die Stadt Melsungen zu bezahlen, weil 
der Bürgermeister die Verwaltung mitbesorgte, da 
für aber diese Entschädigung nicht bezog, sondern 
das ganze Geld floß einfach in die Stadtkasse. 
Hierüber berichte ich später noch bei meinem Kran 
kenhausbauplan, denn für den von der König- 
lichen Regierung Kassel angeordneten Wegfall 
dieser Zahlung (in Jahresraten 5mal 50 und 
Imal 48,50 Mark) des Hospitals St. Georg 
an die Stadt erwirkte ich als einmalige Ab- 
findung und ersten Krankenhnusgrundstvck bei 
Metropolitan Fuldner die dankenswerte Zustim 
mung zur Eigentumsübertragung des Hofpitals- 
Siechenhaus-Grundstücks (für Sonder-Sieche und 
Epidemiezeiten), dessen Benutzung für kranke Be 
dürftige für das Gebäude der Stadt, und der Gar- 
tenflächen dem Hospital zur Verpachtung überlassen 
war. — Das jetzige Hospital-Fachwerkhaus mit 
glatten Außenflächen ist 1788 erbaut, ob an Stelle 
von Baufälligkeit des alten ist mir nicht bekannt. 
Das Kirchendienerhäuschen daneben ist offenbar 
älter, hat auch übersetztes Stockwerk als Alters 
zeichen. Die Hospitalskapelle aus schwerem alten 
Sandstein-Mauerwerk, um 1303 schon erwähnt, hat 
Rundbogen-Steingewölbeeingang, ein älteres Rund 
bogenfenster, zwei offensichtlich nachträglich spitz- 
boglich geänderte Fenster und auf der Südseite 
einen altzugemauerten Steinbogen mit kleinem alt 
grünen Fenstereinsatz (4eckig), offensichtlich einst 
Durchgang zum ursprünglich angebauten Hauptbau, 
davor die prächtige alte Linde. 
In der Stadtschreiberei wirkte bei meinem Amts 
antritt (21. 4. 1906) Stadtschreiber Wilhelm Koch, 
geb. 15. 5. 1866 in Eisenach, gest. 20. 10. 1934 
hier, einstiger Gardefüsilier-Unteroffizier in Berlin 
und Militäranwärter, in der Jugend im Holzge 
werbe ausgebildet, mit viel urwüchsigem, trockenem 
Humor, großer Tüchtigkeit und Geschäftskunde, mit 
einem Wort ein in hohem Grade zuverlässiger, bra 
ver, arbeitseifriger Beamter, dem nur manchmal ein 
altes Herzleiden Beschwerden verursachte; außerdem 
ein gewandter Zitherspieler. Er ging vorbildlich auf 
meine Geschäftsauffassung ein und habe ich (zumal 
er mich auch als Standesbeamter und in der Schrift 
führung der Amtsanwaltschaft vertrat und er 
gänzte- ausgezeichnet mit ihm gearbeitet. Er wollte 
eigentlich beim Landratsamt bleiben, ging aber 1901 
als Nachfolger des ausscheidenden Beyer als An 
wärter doch aufs Stadtbüro. Stadtschreibergehilfc 
und nach Koch Stadtschreiber war der mir von 
Fugend auf als jüngerer Nachbarsjunge wohlbe 
kannte junge Kaufmann Otto Jäger, geb. 18. 2. 
1873, gest. 20. 10. 1934 in Melsungen, der in dem 
kleinen Hause Kasselerstraße 320, neben Gebrüder 
Pfankuchs Brauerei (jetzt Eysel's Gasthaus zum 
Brauhaus) wohnte, das jetzt noch seiner 31. 7. 1844 
zu Gerstungen geborenen Mutter, der ältesten Frau 
Melsungens, gehört und von ihr bewohnt wird, bei 
der ich (sie war Blechschmiedswitwe) vor 60 Fah 
ren schon meine Bleisoldaten kaufte. Otto Jäger 
war 9 Fahre bei der Tuchfabrikfirma M. Stein- 
bach, die bekanntlich seit 1661 ununterbrochen fast 
3 Jahrhunderte hier Wollentuch erzeugt, kaufmän 
nisch ausgebildet und hatte in der strengen Schule 
der beiden Inhaber Friedrich (techn. Fabrik.) und 
Carl Jakob Steinbach (kaufm. Leiter), besonders 
des letzteren, bei seinem an sich schon vorhandenen 
großen Arbeitseifer, verbunden mit Gründlichkeit, 
Unermüdlichkeit, hochgradiger Rechtlichkeit, ein rei 
ches Maß von Kenntnissen erworben, die noch in 
späterer gleichartiger Stellung in der bedeutenden 
Tuchsabrikstadt Forst in der Lausitz eine Vervoll 
kommnung erfuhr. Nachdem er auch in der Buch 
führung des Vorschußvereins hier seine Leistungs 
fähigkeit erwiesen hatte, kam er aufs Stadtbüro 
und bewährte sich auch da ausgezeichnet. Gerade 
seine kaufmännische Gewandtheit und flinke Auf-
	        

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