Full text: Handbuch des Kreises Melsungen (Jahrgang 18.1937)

Weilburg gesandt hatte, so erhielt er auch noch den 
Luxemburgischen Orden der Eichenkrone, während 
seine Tochter Else Karthaus dem Prinzen am Bahn 
hof mit Ansprache einen Blumenstrauß überreichte 
und eine Brillantenbrosche erhielt. Die Musik stell 
ten das 2. Kurh. Husaren-Regt. Nr. 14 Kassel 
und das Großherzoglich Hessische Leibgarde-Regt. 
Nr. 115 in Darmstadt. Die wunderschöne Lage 
der von der Lahn eng umflossenen Stadt, um das 
großartig die Landschaft beherrschende alte herzog- 
lich-nussauische Residenzschloß gruppiert, bot einen 
prächtigen Rahmen für die Feier, deren Inhalt die 
Uebertragung der deutschen Königskrone durch den 
dort residierenden, verwundeten und dem Ende 
nahen König Konrad von Franken, gest. 23. 12. 
918, und Ueberbringung durch seinen Bruder Mar 
graf Eberhard von Franken an den Sachsenherzog 
Heinrich den Finkler und Städtebauer, war. Es 
wurde ergreifend gut gespielt und habe ich damals 
im Melsunger Kreisblatt ausführlich darüber be 
richtet unter Hinzufügung einer von mir verfaßten 
Strophe wie folgt: 
„Zu Weilburg weilt ich in der Burg, 
zum 1000-Iahresfeste. 
Wo Frankenkönig Konrad einst 
sann für des Reiches Beste. 
Ein Zollernfprößling grüßet heut 
des alten Reiches Manen, 
vorbei die Zeit, der Deutschen Leid, 
erfüllt des Kaisers Ahnen." 
Anschließend konnte ich noch am 20. 8. 06 die stolze 
Burg Cochem und Burg Landshut bei Bernkastel, 
beide in höchst reizvoller Berglage, inmitten aus 
gedehnter Weinberge über der Mosel, besuchen, wo 
ich mit Rektor Karl Bloser-Elberfeld zusammen 
kam, von dem ich eine Karte „an den frohen Wan 
dersmann und Tischgenossen" erhielt. Pfarrer Biel 
hier war damals noch Oberprimaner in Weilburg 
und Stud.-Rat Roßbach Gymnasiallehrer (einst hier). 
Hier in Melsungen widmete ich mich mit großem 
Eifer der ebenso interessanten wie vielseitigen Ver 
waltungstätigkeit, die sich ja auf fast alle Gebiete 
des Lebens erstreckte, wie der Eingeweihte ja selbst 
verständlich weiß, doch der Außenstehende oft nicht 
ganz erkennt, denn eine Stadt ist ja genau genom 
men ein kleiner Staat, der hier in jener Zeit in der 
seit 1897 gültigen Städteordnung für Hessen-Nassau 
eine eigene Verfassung hatte, die Selbstverwaltung 
gewährleistete, natürlich aber das Stadtgebiet der 
Aufsicht des Staates und der Kgl. Regierung unter 
stellte. Wurde uns doch auch auf der Berwaltungs- 
akademie verkündet, „die Stadt ist nicht ein Teil 
des Staates, sondern sie ist ihm wesensgleich". 
Dieser lapidare Satz umreißt leicht verständlich die 
Sachlage. Ich gebe hier eine Knappe Uebersicht der 
Berwaltungszweige, beginnend mit dem Eintritt ins 
Leben. Wurde ein Kind geboren, so erfolgte An 
meldung auf dem Standesamt, kam es zur Stadt 
schule, die s. Zt. in erweitertem Umfange eine 
städtische Einrichtung war, so wirkte die Stadt 
schuldeputation. deren Vorsitzender ich als Bürger 
meister war und der der erste ev. Geistliche, Me 
tropolitan Fuldner, bei dem ich als Quintaner La 
tein lernte, als Stadtschulinspizient angehörte, mit, 
auch wurden damals alle Lehrerstellen nach Aus 
schreibung durch den Bürgermeister ausschließlich 
von ihr besetzt und erfolgte nur staatliche Einfüh 
rung, während die Auswahl unter den Bewerbern 
nur stadtseitig erfolgte, bis später durch Zahlung 
von Staatszuschllssen die Regierung sich die 3. 
Stelle zur Besetzung vorbehielt wenn 2 die Stadt 
besetzte. Wir kamen schließlich auf 15 Lehrer — und 
1 techn. Lehrerinstelie. Nach Schulentlassung er 
folgte Eintritt in die städt. gewerbliche und kauf 
männische Fortbildungsschule und Studierende konn 
ten für städt. Stiftungsstipendien vorgeschlagen wer 
den. Verheiratung erfolgte auch rechtskräftig auf 
dem Standesamt im Rathaus mit anschließend kirch 
licher Trauung. Bauten wurden bei der Stadt 
als Baupolizei beantragt und vom Landratsamt 
nach Prüfung durch das Hochbauamt genehmigt. 
Die Fuldauferbauten gingen zu Lasten der Stadt 
und wurden zu meiner Zeit mit über 5000 Mark 
nach lOjähr. Durchschnitt abgelöst. Das umfang 
reiche Gebiet der Polizei war auch zu einem gro 
ßen Teil städtisch, ebenso das Fürsorgeamt, wobei 
der mindestens 2jährige Unterstützungswohnsitz für 
Tragung der Kosten entscheidend war; und war das 
Landratsamt nächste Instanz in Polizeisachen, wäh 
rend der Kgl. Regierungspräsident die vorgesetzte 
Aufsichtsbehörde der Stadt war. Steuerlich hatte 
die Stadt die Poreinschätzungskommission und er 
folgte nach Steuererklärung Einschätzung durch die 
staatliche Beranlagungskommission. Außerdem be 
stand seit 1838 die städt. Sparkasse für Geldanlage 
und Ausleihung. ihre Anlagen beliefen sich auf etwa 
23/4 Millionen Mark im ersten Jahre meiner Amts 
zeit, steigerten sich aber in 12 Jahren auf 9—10 
Millionen Mark. Neben den übertragenen staat 
lichen Aufgaben hatte die Stadt ihre eigenen Be 
sitzungen. das Kammervermögen zu verwalten, das 
aus Gebäuden, Ländereien und besonders dem 
Stadtwald bestand, von den rund 1650 Hektar des 
Stadtgebiets waren einschließlich Wegen rund 710 
Hektar städtisch. Durch den Bau der städt. Elek- 
trizi ätsanlage bahnte sich eine beachtensiverte Erwei 
terung des Stadtbesitzes an, der sich bis dahin über 
wiegend auf den Stadtwald (rund 557 Hektar) be 
zog, dessen Bewirtschaftung, unter technischer Be 
ratung, Aufstellung der Kultur- und Hauungspläne 
und Kontrolle der Kgl. Oberförsterei nach Zustim 
mung des Magistrats, seit 1871, nach dem Ab 
leben des einstigen Stadtförsters Philipp Stahl, geb. 
2. 7. 1811, gest. 11. 5. 1871 (Vaters der Frau Anna 
Figge geb. Stahl hier), dessen Bild ich beifüge, durch 
den Stadtförster Johann Werner Leimbach aus 
Grebenau, dessen Bild auf einem Gruppenbild im 
Kreishandbuch 1933 ist, ausgeführt wurde. Stahl 
bepflanzte um 1850 den Lindenberg, der 1823 noch 
eine Grashalde mit wilden Heckenrosen war und 
nur die alte inzwischen vom Sturm gebrochene Linde 
(das Lingenbeemchen) zeigte, wo wir Stahl 1911 
zum 100. Geburtstag einen Denkstein setzten, den 
Leimbach im Stadtwald als Glaswacke (Quarzit- 
sandstein- fand. Neben der Linde war 1845'49 zum 
Eisenbahnviaduktbau ein Steinbruch (Wolfsschlucht) 
und bildet der lange untere Bergvorsprung die an 
geschüttete Schutthalde, die Wolfsschlucht wurde 
Scheibenstand, denn damals bestand hier die Bllr- 
gergarde und Forstlehranstalt. Von 1850 51 war der 
vorherige Erbleihbeständer der Kurfürstlichen Woq- 
mühle Wilhelm Friedrich Schreiber, geb. 20. 5. 
1790, gest. 16. 2. 1854 hier, Bürgermeister, nach 
Baumann, der seit 1835—1850 und von 1852—75 
regierte. Hierbei erwähne ich einen, mir von meinem 
wertgeschätzten Magistratskollegen Färbermeister 
Heinrich Mardorf I. Brückenstraße, später Roten-
	        

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